Desvulkan paralleleswese n dialog über einen Ehebruch


S.:"...das wär ein köstlich Fundstück für so manchen unerschrocknen Maler! Doch Gyges -" M



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S.:"...das wär ein köstlich Fundstück für so manchen unerschrocknen Maler! Doch Gyges -"

M.:"...Ich will die Ähnlichkeit zum Gyges-Stoffe gar nicht leugnen. Auch die Symbole stimmten, wie Spiegelung und Spaniel, vertretend Eitelkeit und Treue, ansonsten Wachsamkeit und Wahrheitsliebe, die Gyges in wirklichster, wie übertragner Weise zum Verhängnis würden. Hingegen wäre einzuwenden, die Geste dieser Frau müsst mehr Empörung denn Schamhaftigkeit vertreten und sollte man in ihrem Wesen nicht grössre Willenskraft, in ihrem Auftritt und Erscheinen mehr Königinnentum erwarten? und stiftet nicht der schlummernde Puttino geschichtsfälschende Verwirrung, als hätte Amor sich nach Lydien verflogen - ein legitimres Früchtchen hätte ja ansonst den Thron beerbt..."

S.:"Amor schlummert, weil in Wahrheit weder Gyges noch Kandaules die schöne Frau begehren..."69

C.:"Ich muss gestehn, das angenommne Königspaar trägt nicht die inneren wie äusserlichen Zeichen seiner Würden, und im behelmten Usurpator vermisst man ganz die künftigen Qualitäten seiner Macht. Die schlüssige Moral der Episode spricht sich zu wenig aus und der Betrachter wär in seinem Wissensfundus überfordert."

M.(verhalten):" Ich gäb ein Königreich für die geringste, hier im Bilde dargestellte Krone! Den Schuster kennt man schliesslich auch an seinem Leisten!"

S.:"...sofern er dabei bleibt und nicht Apelles' Schuhe trägt! Den Gebildeten Venedigs ist das Schicksal des Kandaules keinesfalls so ungeläufig,70 sah ich das Thema doch vor Jahren selbst auf einem Teller eines Prunkgedeckes abgebildet, als Moralexempel hin und wieder angerufen und als Emblem noch unlängst illustriert.71 Ein 'piatto istoriato' aus Urbino - oder war es Pesaro? - wies Gyges durch Beschriftung aus, und selbst den Amor gabs, ich fands ein wenig überflüssig, der einen Pfeil im Flug verschoss, vielleich im Nachhinein der frevlerischen Ehe den amourösen Freipass zu verleihen."

M.:"Ihr traut im Ernst dem Königs- oder Buhlenmörder zu, Anstifterin und königliche Beute noch zu l i e b e n ? Laut Messer Franco's Dialog 'delle bellezze' war Gyges sogar Päderast!"72

S.:"Che son forse io Amore?73 Auch blinder Schütze trifft mal eine Ente!"

C.:"Ihr solltet es, Messer Cechin, genauer wissen, verehrtet Ihr als junger Autor der schönen Gasparina Stampa nicht jenes ominöse Werkchen mit dem Titel 'Ragionamento nel quale brevemente s'insegna à giovani huomini la bella arte d'amore'?"74

M.:"...als Mentor einer Liebe auf den z w e i t e n Blick?!"

C.:"...und zeichnete Bettussi Euch in seinem 'Dialogo amoroso' nicht als unbestrittnen Kenner in allen Liebeslagen?!"75

S.:"Euerm bibliophilen Spürsinn, savio eccellente, entrinnen auch nicht die leichtfüssigsten Seitensprünge eines Literatendebütanten!"

M.:"So nehmt denn, Cavaliere, die Rösselsprünge Eures Gyges unverzagt zurück! Noch geb ich mich nicht matt: sagt, ist jener Ziegelofen im Nebenraum hier eine Schmiedeesse, ein Küchenherd, die Schlafraumheizung oder gar Befeuerung eines Badebeckens, sprich 'stufetta'?"

S.:"Papa Leone's 'cardinali comici'76 hätten sicherlich das 'stufaiolo'77 vorgezogen. Dass ein Kandaules nach dem Bade kleiderlos zu Bett geht, wär dieserweise illustriert, zwar recht trivial78, doch wohl sein gutes Recht, wenn Märchenkaiser gar im eingebildeten Kostüm nackt durch die Strassen ziehn?79 Beschwört Ihr beide mir jedoch die Formen einer Esse, so wärmtet Ihr mir allerdings die Sympathie für V u l k a n ganz beträchtlich..."

M.:"Seht Ihr, fürs Bildverständnis wäre nur die Esse unverzichtbar. Aber noch mehr. Ihr hattet das Verdienst, die 'ars poetica' Horazens im Volgare Messer Dolce's auch unter Künstlern lesenswert gemacht zu haben..."80

C.:"Ihr spielt doch nicht auf die Devise an, von: 'ut pictura poiesis'...?"

M.:"Gewiss, nur umgekehrt: die Malerei gemäss der Dichtung. Verlangt doch unsere Kunst nicht auch die Einheit von Handlung, Ort und Zeit ?81 und müssen wir nicht - längst weniger begünstigt als der einstige Buchillustrator82 und unsre heutigen Kollegen auf den Bühnenbrettern - im selben Griffe zur Erhellung des Betrachters Vergangenheit, Gegenwart und künftige Läufe des Geschehens bündeln? Kurz: wird d i e s e r Gyges König und Gemahl?!"

S.:"Ich sehs, Ihr wollt dem wehr- und waffenlosen Gyges auch noch ans blanke Leben! Wo aber bleibt das Bündel an Poetik, wenn aus aristotel'schen Schlacken eines mit dem Platon-Ring dahingeschmolznen Gyges ein lächerlicher, femininer Mars entsteigt - mit Worten Aretin's:
'che questo arcininfone in ogni parte

rassomiglia(va) più Vener che Marte-'83"



(Er gab als Architunte sich,

mehr Venus als dem Marse glich - )
C.:"Ha, Mavors redivivus! Im Gegensatz zu Gyges - in pace requiescat - ist Mars nicht blosse Zielscheibe eines korrupten Amor. Ihm ist schon seit Homer (der Ares nur mit Widerwillen zeichnet) beschieden, empfindlichste Beschämung einzustecken, auch wenn die Odyssee der Götter Lachen mehr dem 'Schmied der eignen Schande' gönnt. Lukian verteilt die Schadenfreude schon gerechter. Hört Euch das köstliche Gespräch an, in welchem Phöbus nicht den Eifersüchtigen, nicht den Verräter, nicht den Gekränkten,84 nicht den Rächer,85 jedoch den Ahnungslosen spielt:

'Apollo: Was lachst Du, Merkur?

Merkur: Ich war Zaungast eines höchlich ulkigen Spektakels!

Apollo: Erzähl, damit ich mitlachen kann!

Merkur: Soeben wurden Mars und Venus von Vulkan beim Beischlaf erwischt.Vulkan hat sie beide in ein Netz eingewickelt.

Apollo: Wie das? Ist ja höchst pikant!

Merkur: Ich glaub schon seit langem hat Vulkan das Spielchen geahnt und spionierte ihnen nach. Er legte rings ums Bett unsichtbare Fesseln aus und gab sich dann an seiner Esse zu tun. Flugs schleicht sich Mars herein, in der Meinung ungesehn zu sein. Doch die Sonne sahs und petzte es dem Vulkan. Kaum hatte sich das Pärchen auf dem Bett an die Arbeit gemacht, verstrickt es sich in der Falle, vom Netze eng umschlungen, und Vulkan erscheint. Venus, nackt wie sie war, wusste nicht, wie sich zu bedecken und verging vor Scham; Mars versuchte, anfänglich zu flüchten bemüht, die Fesseln zu sprengen, allein vergeblich und so verlegte er sich aufs Betteln...

Apollo: So. Und Vulkan liess sie wieder frei?

Merkur: Noch nicht; er ruft nach allen Göttern, um sie zu Zeugen des Ehebruchs zu machen. Das entblösste Liebespaar errötet mit gesenkten Blicken ob der peinlichen Fesselung. Für mich wars ein köstlicher Anblick, wie sich unseren Augen ein fastvollendetes Liebesspiel preisgab!

Apollo: Und der Schmied schämte sich überhaupt nicht seiner ehelichen Schmach?

Merkur: Beim Zeus! Er stand da und lachte mit den anderen! Ich für meinen Teil beneidete den Mars nicht nur, von einer so entzückenden Göttin geliebt zu werden, sondern auch ob einer so 'engen Bindung'!

Apollo: Du liessest Dich um einen solchen Preis in ebensolche Bande legen?

Merkur: Du etwa nicht, Apollo? Komm, sieh sie Dir an! Alle Achtung, wenn Du sie so gesehen, nicht ebensolche Wünsche hegtest!'86"
M.:"Habt Ihr bemerkt, dass nur Lukian den Fluchtversuch des Mars erwähnt? Des Autors heitre Ironie auf Marsens Kosten, steht unserm Bilde zu Gevatter!"

S.:"Im übrigen, wen hat Lukian nicht angesteckt: Ich denk an Messer Aretino, der nicht müde wurde, in den 'Pronostici', in den Sonetten und mancherorts, nicht minder denn Ruzante oder Messer Calmo, - den Mars, in welchem metaphorischen oder nur alludierendem Gewand auch immer, als 'maledettissimo poltrone', 'ruffiano furibondo', 'miles gloriosus' oder wie Doni als 'bravaccio' zu verhöhnen. Auch Maestro Paolo Veronese87 liess sich über ihn zu einem ironisch halbbeherzten Schmunzelbild verführen, beim Messer Lambert88 sieht man ihn wie einen arggewohnten Ladruncolo zum Liebeslager schleichen, selbst Messer Paris reizt zu ungewolltem Lachen, wenn er sein Lastenträger-Netz über die Sommerfrisch-Idylle von Mars und Venus wirft89 und mit der schwergewappnet und -bewaffneten Tollpatschigkeit des Mars im Bett der Götter-Kurtisane treiben die Gross- und Kleinmeister schlüpfriger Alkovengraphik bekanntlich schwunghaften Kommerz!"

M.:"Ein Marsfeld ists, unlauterster Turniere!"

C.:"Nun, die 'Amori degli Dei' des Caraglio..."90

S.:"...und die des Marcanton, Friede ihrer Asche..."

C.& S.:"...sind etwa keine Meisterwerke?!"

M.:"Ich stelle fest, Verehrteste, Ihr kennt Euch aus! Aber sind die 'Modi' aus der Akrobatenküche des verkehrten Giulio nicht steril, und auch die meisten Blätter Bonasones schlechthin plump? Ich will nicht leugnen, dass im väterlichen Studiolo einst derartig Übungsmaterial91 des Musi, Vico und Boldrin, des Agostino und Raimondi jeweils nach fremder Meisterzeichnung92 konterfeit, herumlag. Den künstlerischen Witz, den fügt im Nachgebrauch ein andrer Geist hinzu! Sagt, ist diese Venus hier lasziv?93 Die will bewundert werden, nicht entehrt! Sie ist in ihrer Schamesröte94 - was Jacomo begreiflich machen wollte - selbst für den Gott des Krieges viel zu gut!"

C.:"Schon gut, schon gut, Madonna Tintoretta, wir sind nicht Jünger des 'Corbaccio'95 - selbst wenn Ser Cecco's liebste Redensart zu sein scheint:
'Femina è cosa mobil per natura;

Ond'io so ben ch'un amoroso stato



In cor di donna picciol tempo dura.'96"
(Das Weib ist schwankend von Natur

So weiss ich denn, dass die verliebte Tour

Im Herz der Frau lässt eine kurze Spur.)
S.:"Hm, misogyn bin ich beileibe nicht! Uns Venezianern sind fast alle Frauen Venus, und die ist, was Athenern ihre Parthenos, was Rom Minerva galt; - weit mehr, uns ist sie Mutter, Jungfrau, königliche Braut, Venezia, Justizia und Astrea!97 Singt nicht 'Il Cieco d'Adria' von der Venezia : "...sei una nuova Venere, nata ignuda nel mezzo del mare..."? Verwundbarkeit und hüllenloses Offensein entspricht der Mauerlosigkeit der meergebornen Stadt, dieweil sie grenzenlose Macht besitzt dank ihrer Ränke, ihrem Zauber, ihrem Glanz, Schutz zu gewähren, Anziehung und Verheissung -"

C.:"Arma mulieremque cano..."

S.:"...ja, könnte man nicht folgern, die (nun, anfänglich) heile Ehe der 'Venere celeste' mit Vulkan sei Metapher für das glücklichste Zusammenfinden der 'oziosa' Venezia, die Messer Dolce mit den Attributen von 'grazia, politezza e leggiadria' ausstattete, und Vulkan, sprich 'industria', 'intelligenza' und 'utilità', - so eine Art alchemische Verlobung von Wasser mit dem Feuer, welcher Amor,98 beider Spross die Krone eines 'Amor patriae' verliehe. Mars hingegen - 'crudele, feroce e quasi senza ragione, che volesse ogni cosa per forza di arme' (grausam, wild und gleichsam ohne jeden Verstand, alles mit Waffengewalt erstrebend) wird somit als Störenfried dieser begnadeten Stadt zurechtgewiesen..."

C.:"Nobilissimo et singolare! Cavalier Francesco, man sollte Euch zum Staats-Ikonographen küren!"99

M.:"Nach dem neuerlichen Brand des Dogenpalastes bliebe ja eine Menge zu tun! Die jüngeren Künstler schulden Vulkans Feuerwerkerei fast mehr denn Navagero's zynische Epigramme!"100

C.:"Alle Ironie beiseite, was unser Bild betrifft, so kommen mir doch Zweifel, ob Meister Tintoretto hier ein panegyrisches Idyll politisch-schöpferischer Tugenden gestalten wollte. Der ruppig-greise Vulkan, aus dem ein Messer Tizian einen Satyrn hätt gemacht, hat weder Werkstücke noch Werkzeug seines Genius vorzuzeigen; das Feuer in der Esse ist fast so gut erloschen wie wohl die eheliche Neigung, und ob der Vaterschaft des Amor hätte ich Bedenken, wo dieser sich doch jeglicher Parteinahme enthält. Die fliehende Adultera vertritt Venezia so schlecht wie Parisina und Rhodope. Wenn sie die Cypria ist, dann 'Venere mondana, terrestre e profana' oder mit Worten Messer Cartari's 'il numen principale delle meretrici'! Euern 'Vulcan affumao da la fusina, marchao e beccheto'101 (Vulkan, rauchgeschwärzt von seiner Esse, schwielengezeichnet und krüpplig) würd nicht mal Messer Calmo zum Guardian der Kaminfeger-Innung102 erheben, geschweige dessen Frau zum Briefverkehr verführen! Noch ist Malerei kein Ort für Arbeiterparadiese, Wirtshausbalgereien und Alkovenscherze!"

M.:"Auch ich zieh vor, die holde Dame dort - wenn nicht den ganzen übrigen Olymp103 sogar - ideologisch abzuschminken, Ser Francesco. Vielleicht nicht gar so gründlich, wie dies Boccaccio schon in seinem Schulbuch 'delle donne illustri' vorschlug, Venus sei in Wahrheit nur eine noble Zypriotin gewesen, die nach fehlgeschlagnen Ehen, erst mit einem gewissen Klempner Vulkan, dann einem noch ungewissern Homunculus Adonis in beispiellose Laszivität verfiel, ja die Prostitution am Ende kultisch legitimierte. Die Primizien des Ehebruchs genoss und litt sie mit einem kreuzgewöhnlichen Soldaten, 'un uomo d'arme', wie es heisst..."104

S.:"Macht Ihr aus Heroinen nicht allzu billig irdische Hetären?"105

C.:"Erfrischende Ernüchterung vom schwülen Hauch des Numinosen! Das brachten schon Lukrez und Apuleius einst zuwege und auch die folgende Sequenz Lukians, ganz ähnlich der bereits gehörten, lakonisiert:
'Apollo: Glaubst Du, Vulkan hat von der Intrige was gespannt?

Merkur: Er weiss davon, aber was kann der gegen einen jungen und tüchtigen Mann, der noch dazu Soldat ist? Er gibt sich nach aussen hin ruhig; indessen droht er sie zu überraschen, mit einem Fischernetz, das er dem Bette überwerfen will.

Apollo: Ich weiss. Nichtsdestotrotz würd gar zu gern ich selbst der Eingefangene sein...!'106"
C.:"Aretin war wahrlich sein gelehrigster Eleve!"

M.:"Da hat mein nüchterner Papa für einmal - im Gegensatz zur sonst gewohnten schlechtversteckten Panegyrik der Liebediener-Graphik und der Hofgemälde - den Mars nicht als von Waffen strotzenden, blechgepanzerten Turnierpfau ausgestattet. Ihn kleidet nur das Nötigste zum Bildverständnis: wie Vulkan nur die Esse, den Amor nur ein Pfeil, die Venus nur ein transluzides Väschen kenntlich macht; das nenn ich Sachlich-, Sparsam- und Natürlichkeit und schlichterdings modern."107

S.:"Wenn Ihr schon die Venus vermenschlichen und den armen Mars entwaffnen wollt, so lasst dem Vulkan wenigstens die mythische Geste! Was er als irdischer hier täte, erschiene mir doch gar vulgär! Ich gebe zu, er handelt nicht im Sinn des prometheischen Genies. Aber nur sie, die törichte Seite des Vulkan, sein ältrer Ego Epimetheus108 - öffnet gleichsam hier die Vase der Verführerin Pandora. Venus, eine 'Eva prima Pandora' oder besser 'Venezia prima Pandora'? - ist schliesslich ein Produkt der Männerkreatoren, ob sie Vulkan heissen oder ob Prometheus, auch wenn ein Chor von Göttern ihr die Morgengabe an Tugenden und Schönheiten zusammentrug. Hesiod schilt sie die Kreatur Hephaist's. Hier wird die ungeschickte Neugier des un- oder nur spätbesonnenen Gatten unweigerlich das gläserne, zerbrechliche Gefäss der ehelichen Liebe bersten lassen..."

M.:"Wie urpoetisch, Ser Francesco, für einmal ist Pandora nicht die Ahnfrau allen Übels!"

C.:"Vulkan vulgär?! Was scheut Ihr, Cavaliere vor der panischen Geste, die Priapus an Lotis und an Vesta, die ein andrer frecher Satyr an Omphale, Zeus in Bocksgestalt an der Antiope und dann als falsche Diana an Kallisto, Pygmalion wohl an seiner Venus-Statue übte? Quod licet bovi, licat Tinctori! Vulgär ist allemal nur der Betrachter."

S.:"Ich räume ein, hier lindert der Humor die Unmoral der Handlung."

C.:"Und lindert nicht Moral den Übermut der Handlung?"

M.:"Männergeschichten, Männerphantasien! Was ist daran humorvoll? was moralisch?"

C.:"Ich spüre in der Tat den unbeschwerten Geist scherzhafter Novelle, wie ihn das komische Theater liebt. Ists nicht die barste Ironie auf der Gelehrten Protz-Vielgötterei, mit der sich nobles Mäzenatentum im Festdekor der Bälle und der Bühnen, der Prunkfassaden und des Villenschmucks gefällt? Damals, als es den Künsten noch erlaubt war, sich ungestraft wort-, laut- und farbenstark zu messen, sich für den Lorbeer­zweig des 'Paragone' zu höhnen und zu hassen, zu loben und zu schmähen, als Aretini gegen Bembi, Veronesi und Bassani gegen Tintoretti löckten, Giannotti gegen Calmi fochten wie heute die Zarlini gegen Galilei - nicht wahr Monna Marietta? - waren die Grenzen zwischen ernst und heiter, villan oder erhaben, anzüglich oder erzogen noch nicht so scharf geprägt wie heute. Kraftworte wie 'divino', 'flagello', 'terremoto', 'pianto' waren feile Münze, wie leicht man von 'amore', 'dolce', 'illustrissimo' parlierte. Dem Zeitgeist war das Lächeln auf den Lippen nicht erstarrt, noch nicht die Maske Schirm und Zeichen eines trübgewordenen Gewissens."

M.:"Nun ja, dies Bild ist schwerlich zur Belehrung eines Giorgio Vasari oder zur Erbauung der Vittoria Colonna, weder zum Genusse eines Erotomanen, noch zur Schadenfreude eines Familienhistorikers geschaffen worden. Es trägt noch ganz die Züge des viel vageren sibyllinischen Vergnügens schöpferischer Freiheit und des Experimentierens, das auch Ihr, Messer Francesco, in Eurem Traktate über die Liebe einst vertratet, das aber heute weder willentlich noch unbekümmert weiterleben könnte. Mein Vater würde derzeit diese Art der unbeschwerten Malerei vielleicht nicht widerrufen, so doch der rosigen Erinnerungen ein wenig resigniert entsagend, am Schicksal dieser Stadt gereift, erfasst vom moralischen und religiösen Umbruch, ihr keine neue Hoffnung geben. Erbäte man von ihm profane Themen im Sinn antik verbrämter Allegorie, so fielen die zwar geistreich und poetisch aus, ermangelten indessen der Beschwingtheit, geschweige der Satire. Auch er lässt sich vom 'umore dei tempi' prägen und die Bottega ist kein Born der Heiterkeit..."

S.:"Wer, Donna Marietta, versteht Euch besser als einer der Mitproduzenten dieses 'humor temporum'! Wir, ja wir haben die lächelnde Freiheit der Venezia von einst verkauft, verraten, verspielt, verprasst, vergessen - das gesteh ich unumwunden. Aber die Erneuerung wächst nur auf gründlich freigerodetem Terrain. Seit uns das Konzil109 ein neues Rückgrat, neue Spielregeln gegeben - "

M.:"Wohl eher aufgezwungen! - Und seit das Sant'Ufficio sich befleissigt, Künstlern und Verlegern immer unverhohlener die Karten vorzumischen, beeilen sich die einen, die erfreulicheren weltlichen Belange in ihren Werken zu banalisieren oder zugunsten religiöser, erzieherischer110 oder staatsenkomiastischer zu meiden, die anderen erlauben den bigottsten Schreiberlingen111 auch den erhabenen antiken und modern­profanen Stoffen die lächerlichsten Glossen112 beizufügen - im Nessoshemde der Moral, frömmelnder Allegorie, gelahrter Deutelei -"

S.:"- das Plazet der Behörden, ein Druckprivileg, Staatsaufträge und Lizenzen kosten uns heut unproportionierte Bücklinge - was ist, Messer Alvise?"

C.:" - verzeiht die Unterbrechung! Es ist den Stimmen nach, ein neuer Gast im Kommen -"

M.:"...hat nicht vor kurzem erst Messer Paolo ein 'Letztes Abendmahl' in einen 'Schmaus im Haus des Levi'113 ändern müssen, zerpflückte man die braven Reime des Caravia114 nicht vor Gericht? starb Bibelübersetzer Brucioli115 nicht als Häretiker im Elend, kaum glücklicher als Poet Niccolò Franco, den man henkte?!"

S.:"Ich weiss, es stehn die frommsten Schriften auf dem Index, wenn deren Autor genug perfide von Neidern denunziert wird, der Inquisitor ein geringerer 'poltrone' und schlechter gelaunt als einst Hochwürden della Casa116 ist; doch halt ich dies für Schwächen einzelner..."

M.:"...deren einer gar die hehren Lenden der 'Gerichteten' Buonarrottis mit Windeln falscher Scham bemäntelte, deren andere es für zeitgemäss erachten, die Inkunabeln Lorbeergekrönter nach-, um- oder neuzuschreiben, zu purifizieren, zu kürzen und zu längen! Selbst die Musik erhielte noch die bittren Trensen weihrauchender Pedanten angelegt, wär sie nicht wortkarg ohnehin und früh genug der kirchlich-absoluten Futterkrippe fort zum weltlichern Parnass entflogen!"

Gioseffo Zarlino.:"Was muss ich hören, Marietta, Pegasea mia! Ihr wirkt erzürnt und aufgebrachter als des Ares Streitross!"-



- tönts von der Tür her, die eine hagere, etwas gebeugte Silhouette, mit dem Barett sich Kühlung fächelnd, mit kurzen soutanenen Schritten durcheilt, nur vom jovialen Handschlag Contarini's aufgehalten.
S.:"Hochwürden!"

Z.:"Cabalier lustrissimo! Welche Ehre, auf kunstgeweihtem Boden Messer Sansovino, 'sommo poeta' anzutreffen!"

S.:"Maestro Gioseffo, welch Überraschung, seit den Feiern für Enrico terzo hab ich Euch weder gehört, geschweige denn gesehen! Ah, Ihr wart damals die Seele jener memorablen Festlichkeiten!"

M.:"- der akustische Retter der Republik."

Z.:"Miserere!"117

C.:" Meister, Eure unerreichte Kennerschaft rette uns aus einem Engpass künstlerischen Unwissens: als langbewährter Freund des Messer Tintoretto, dem wir dies Bild hier zu verdanken haben, in dessen inhaltlichen wie formalen Sinnmäandern sich unser Streitgespräch verfahren hat, doch auch als kompetentester Berater des Künstlers in Belangen der Philosophie, Theologie und Astronomie - ja fast vergass ich Praxis und die Theorien der Musik - seid Ihr wie keiner so berufen, die Exegese dieses rätselhaften Werks uns zu erleichtern."

Z.:"Aber, aber, liebe Freunde, was gibt es denn an diesem köstlichen erotisch-humoresken Kabinettstück118 viel herumzudeuteln? zumal der Beistand einer nüchternen Minerva wie Monna Tintoretta Euch gewiss ist, die das Metier des Vaters bis zur Verwechslung beider Meisterhände zu betreiben pflegt! Und darf ich fragen, warum - ist's wirklich von so schürfendem Belang? - fragt Ihr nicht einfach den Besagten selbst, der wenig hundert Schritt von hier mit der Gewissheit einer zweifelsfreien Auskunft winkt?"

M.:"Zum ersten Don Gioseffo, das Passwort der Erotik warft Ihr - mit Verlaub - ein wenig voreilig ins Spiel der Kontroversen. Der Deutung wollen wir zuleibe, nicht der Wirkung. Es trennt, zum zweiten, mich vom Inhalt dieses Bildes sowohl mein junges Alter als auch das Wissen einer Generation; die Form hingegen, das Handwerkliche ist mir vertraut. Und drittens, der Schöpfer des Orakels hat sich für einige Tage in Zelarino eingenistet119, die Essenzen seiner Pinsel mit Frühjahrsdüften, wenn nicht zu verscheuchen, so zu mischen. Er liebt es, in der Einsamkeit zu brüten. Selbst wär er hier, zum vierten, - würd er uns wohl den grössten Teil der Antwort schuldig bleiben; wortkarg wie er ist, stets aufgelegt, die Neugier anderer zu narren, besorgt die Spuren des Entwerfens flugs zu tilgen und nimmermüde banaler Eindeutigkeit zu wehren,120 würd er im Gegenteil, mit Flunkern, mehrdeutbaren Motti und gefälschten Fährten uns einen Streich zu spielen suchen. Zum letzten ist ein Künstler selber stets sein schlechtester Exeget."

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