Quellen zu Aufgabe Staatskunst in Preußen: Anton von Werner Quelle 1: Aus Anton von Werners Memoiren, drittes Kapitel (1871)




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Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Kunstgeschichte

Schule des Sehens, Deutsche und französische Malerei von 1780 bis 1880 im Vergleich

1870–1880 Deutschland, Gruppe 3, Quelle 1

Volltext

Quellen zu Aufgabe Staatskunst in Preußen: Anton von Werner

Quelle 1: Aus Anton von Werners Memoiren, drittes Kapitel (1871)

Anton von Werner: Erlebnisse und Eindrücke 1870–1890, Berlin 1913, S. 31–41.


Im neuen Jahr war ich noch mit der Verarbeitung meiner Versailler Eindrücke und einigen Illustrationen beschäftigt, gedachte Mitte Januar nach Saarbrücken zureisen und von da nach Berlin, um für die Gründung meines Hausstandes alles Nötige vorzubereiten, Wohnung und Atelier zu mieten und den „Moltke vor Paris“ und anderes in Angriff zu nehmen. Einstweilen lief ich mit meiner Braut fleißig Schlittschuh. Da erhielt ich am 15. Januar vormittags 10 Uhr beim Schlittschuhlaufen auf der Karlsruher Schießwiese folgendes Telegramm:
„Geschichtsmaler v. Werner, Karlsruhe.

S. K. H. Der Kronprinz läßt Ihnen sagen, daß Sie hier Etwas Ihres Pinsels Würdiges erleben würden, wenn Sie vor dem 18. Januar hier eintreffen können.

Eulenburg, Hofmarschall.“
(S. 31:) Ich kaufte mir sofort einen dicken Reisepelz und fuhr 3 Uhr nachmittags nach Straßburg ab. Die Fahrt nach Versailles ging zwar schneller vonstatten als das erstemal im Oktober, aber ich kam doch erst am 17. Januar nachmittags 5 Uhr in Lagny, dem Endpunkt der Eisenbahnfahrt an, wohin Graf Eulenburg schon wegen eines Platzes für mich in der Paketpost telegraphiert hatte. Wir waren zu dritt in dem mit Postpaketen gefüllten Wagen zusammengepreßt, wie in der Schachtel die Sardinen, der Feldjäger Hammer, der Kondukteur und ich. Oben auf dem Verdeck des Wagens schaukelte ein bayerischer Jäger, der die Post gegen die Franktireurs schützen sollte, die in den Wäldern jener Gegend ihr Wesen trieben. So ging’s in die pechschwarze Nacht hinein; um 4 Uhr früh kamen wir ohne Unfall, nur tüchtig durchgerüttelt und etwas steif in den Gliedern in Versailles an. Ich schlief noch ein paar Stunden im Quartier des Feldjägers Hammer bei seinem Onkel, dem Konsistorialrat Reitzenstein, und begab mich gegen 8 Uhr ins Hauptquartier des Kronprinzen nach der mir wohlbekannten Villa Les Ombrages, gestiefelt und gespornt, denn ich glaubte nichts anderes, als daß ein Sturm auf Paris oder etwas Derartiges beabsichtigt sei, eine Meinung, die auch die Herrn vom Etappenkommando in Straßburg und Epernay ausgesprochen hatten.

Der Kronprinz kam gerade die Treppe aus seinen in der ersten Etage gelegenen Zimmern herunter, als ich die Vorhalle betrat, und begrüßte mich in seiner herzlichen Weise mit den Worten: „Da sind Sie ja glücklich! Na, Eulenburg, nun besorgen Sie mal das Weitere!“

Graf Eulenburg fragte mich zunächst zu meiner höchsten Verwunderung, ob ich einen Frack mitgebracht hätte, und stellte mir dann einen Passierschein aus:
„Auf Befehl Seiner Königlichen Hoheit des Kronprinzen ist der Träger dieser Zeilen, Herr v. Werner, heute vormittag zu der Festlichkeit im Schloß einzulassen.

Versailles, 18. Januar 1871.



Eulenburg, Hofmarschall.“
Also um eine Festlichkeit handelte es sich! Das wußte auch schon der marchand-tailleur, bei dem ich mir einen Frackanzug besorgte. Aber welcher Art konnte sie sein, daß ich deshalb nach Versailles berufen war? Ich begab mich um 11 Uhr ins Schloß, dessen nächste Umgebung wie die ganzen Place d’armes mit Infanterie besetzt war. Auf der zur Galerie des Glaces hinaufführenden Treppe waren Kürassiere postiert, Offiziere aller Grade vom Leutnant bis zum General stiegen in ununterbrochenem Zuge die Treppe hinauf. Die zu der Galerie des Glaces führende Salle de la paix war mit (S. 32:) Offizieren aller Waffengattungen gefüllt und in der großen Spiegelgalerie standen sie Kopf an Kopf dicht gedrängt, in der Mitte blieb ein schmaler Gang frei; es mochten 600 bis 800 Offiziere oder mehr sein, ich hatte noch nie ihrer so viele auf einem Fleck zusammen gesehen. Ich war zunächst verblüfft und fragte mich, was aus diesem Gewirr wohl „Meines Pinsels Würdiges“ sich entwickeln würde. Weiter gegen die Mitte des Saales vordringend bemerkte ich an der Fensterwand im Dunklen einen Altar aufgerichtet, von sechs Geistlichen umgeben, und vor der Schmalseite der Galerie gegen die Salle de la guerre eine mehrstufige Estrade, auf der dichtgedrängt Fahnenträger mit ihren zerschossenen Fahnen und Standarten in Reih und Glied standen. Die Tür zur Salle de la guerre war mit rotem Sammet verhängt. Ein besonderer Schmuck war – außer Lebruns historischer Dekoration an Decken und Wänden – in der Galerie nicht zu sehen. Die Masse der Offiziere in ihren verschiedenfarbigen Uniformen, mit den blitzenden Waffen und Orden machte zunächst einen verwirrenden Eindruck bis sich das Auge daran gewöhnt hatte und entdeckte, daß die Gruppen bunter Uniformen und die Prachtgestalten ihrer Träger auf dem Hintergrunde der großen, die Fenster reflektierenden Spiegel der Galerie ein stark farbiges und malerisches Objekt waren. Das plötzliche Verstummen des Geschwirres der Unterhaltung ließ darauf schließen, daß die Festlichkeit beginnen sollte, ich dachte an den 18. Januar, den Tag des Ordensfestes. Und dann nahten unter den Klängen eines Psalms in ernstem, feierlichem Zuge, so ganz ohne Pose und Zeremoniell, schlicht und einfach die deutschen Fürsten und Heerführer, voran der weißbärtige Heldenkönig und sein strahlender Sohn, der blondbärtige Kronprinz. Die hohen Herren stellten sich gegenüber dem Altar auf, in der Gegend, wo ich Platz gefunden hatte, so daß ich dicht neben dem Erbgroßherzog von Mecklenburg-Strelitz zu stehen kam und während des nun folgenden Gottesdienstes die beste Gelegenheit hatte, die fest wie Säulen stehenden Herren zu zeichnen. Vom Gottesdienst und von des Divisionspredigers Rogge Weihrede hörte ich natürlich so gut wie nichts, und auch der Erbgroßherzog von Mecklenburg-Strelitz schien seine Aufmerksamkeit zwischen der Predigt und meiner zeichnerischen Tätigkeit zu teilen. Es war ein sehr malerisches Bild: an der Fensterseite im Dunkel der Altar mit den tiefschwarzen Gestalten der sechs Geistlichen und gegenüber im Vordergrund König Wilhelm und die ihn umgebenden Fürsten in scharf beleuchteten Profilen; ich habe auch eine Skizze davon gemacht, die aber nicht zur Ausführung gekommen ist.

Der mächtig wirkende, von allen Anwesenden unter Posaunenbegleitung gesungene Choral: „Nun danket alle Gott“ beendete die gottesdienstliche (S. 33:) Feier, und nun wandten sich König Wilhelm und die deutschen Fürsten der Estrade mit den siegreichen Fahnen zu und nahmen auf derselben Aufstellung. Der Pionierhauptmann Dielitz hatte sich in liebenswürdiger Weise meiner angenommen und mich durch die dichtgedrängte Masse der Offiziere zu einem günstigen Platz geleitet, – nicht ohne von meinem späteren Freund und Gönner, dem Hofmarschall Grafen Perponcher „angehaucht“ zu werden: was der „Zivilist“ hier zu suchen habe?

Und nun ging in prunklosester Weise und außerordentlicher Kürze das große historische Ereignis vor sich, daß die Errungenschaft des Krieges bedeutete: die Proklamierung des Deutschen Kaiserreiches! Das also war es, was der Kronprinz Friedrich Wilhelm als etwas meines Pinsels Würdiges in seinem Telegramm bezeichnet hatte!

Der Vorgang war gewiß historisch würdig, und ich wandte ihm meine gespannteste Aufmerksamkeit zu, zunächst natürlich seiner äußeren malerischen Erscheinung, notierte in aller Eile das Nötigste, sah, daß König Wilhelm etwas sprach und daß Graf Bismarck mit hölzerner Stimme etwas Längeres vorlas, hörte aber nicht, was es bedeutete, und erwachte aus meiner Vertiefung erst, als der Großherzog von Baden neben König Wilhelm trat und (S. 34:) mit lauter Stimme in den Saal hineinrief: „Seine Majestät, Kaiser Wilhelm der Siegreiche, Er lebe hoch!“ Ein dreimaliges Donnergetöse unter dem Geklirr der Waffen antwortete darauf, ich schrie mit und konnte natürlich dabei nicht zeichnen; von unten her antwortete wie ein Echo sich fortpflanzend das Hurra der dort aufgestellten Truppen. Der historische Akt war vorbei: es gab wieder ein Deutsches Reich und einen Deutschen Kaiser! Ich sah noch, wie der Kaiser den Kronprinzen umarmte und von den ihn umgebenden deutschen Fürsten beglückwünscht wurde. Eine beabsichtigte Defiliercour der anwesenden Offiziere mißglückte, wie mir däuchte, und ich sah dann den Kaiser die Stufen der Estrade hinabschreiten, an Bismarck vorbei, den er nicht zu bemerken schien. Neun Jahre später, bei meinem Aufenthalte 1880 in Friedrichsruhe, gab mir Fürst Bismarck die Erläuterung zu dieser kleinen Episode, die ich damals dem nach Schluß des Staatsaktes entstandenen Durcheinander der sich auflösenden Versammlung zuschrieb.

Auch über die bis zum Abend des 17. Januar nicht gelöste schwierige Frage: ob Deutscher Kaiser oder Kaiser von Deutschland hat man inzwischen Näheres erfahren, merkwürdigerweise soll es aber nicht ganz feststehen, was eigentlich der Großherzog von Baden gerufen hat. Ich hatte den Ausdruck: Wilhelm der Siegreiche vorher nie gehört, er frappierte mich und auch Dr. Toeche-Mittler, der 1896 ein Buch über den Vorgang am 18. Januar 1871 und die dabei Anwesenden, zu denen er selbst gehörte, herausgegeben hat, stimmte mit mir überein, diese Worte gehört zu haben, teilte mir aber zu meiner größten Überraschung mit, daß der Großherzog von Baden selbst ihm erklärt habe, er habe damals gerufen: „Seine Majestät der Deutsche Kaiser lebe hoch.“1

[...]


(S. 40:) Da ich, als zum Stabe gehörig, täglich an der Tafel des Kronprinzen teilnahm, erhielt ich wie die Herren des Stabes alle Nachrichten mit aus erster Hand, und mein Notizbuch von damals verzeichnet:

23. Januar. Heute ist Jules Favre abends 8 Uhr zu Friedensunterhandlungen hier eingetroffen. Alles in größter Spannung.

24. Januar. Jules Favre soll vormittags beim Kaiser gewesen sein, nachmittags ist er wieder nach Paris zurückgereist.

25. Januar. Heute ist Jules Favre wieder da, die Kanonade schweigt auf stillschweigendes Übereinkommen. Meine Skizze zum Proklamierungsbilde schreitet voran.

26. Januar. Heute endlich ist Jules Favre zum Abschluß der Kapitulation mit fünf Offizieren hier angekommen.

27. Januar. Freitag. Heute abend große Tafel beim Kronprinzen zur Feier des Geburtstages seines ältesten Sohnes. Der Kaiser, Prinz Carl, die Großherzöge von Baden und Sachsen-Weimar, der Herzog von Coburg und viele andere hohe Persönlichkeiten waren anwesend. Es wurde Johannisberger in kleinen grünen Römern serviert. Die Kapitulation soll abgeschlossen sein, auf allen Gesichtern liegt wenigstens ein gewisser Ausdruck stiller Zufriedenheit. Moltke wurde viel beglückwünscht, sagte aber nichts!

28. Januar. 1871. Paris hat kapituliert.

Zum Diner beim Kronprinzen waren die Präsidenten v. Forckenbeck und v. Köller anwesend, mit ihnen und dem Prinzen Wied ging ich nach dem Diner noch einen Schoppen trinken.

Der Großherzog von Baden, Herzog Ernst von Coburg und der Erbprinz Leopold von Hohenzollern machten den Vorschlag, die deutschen Fürsten sollten das Proklamierungsbild dem Kaiser schenken.

29. Januar. Meine Skizze zu dem Proklamierungsbilde habe ich gestern abend dem Kronprinzen vorgelegt, sie hat seinen wie der Anwesenden ungeteilten Beifall gefunden. Bei der Erläuterung der Skizze entschlüpfte mir ein unbeabsichtigter Lapsus, indem ich bei der Namenbezeichnung der auf der Estrade vor den Fahnen stehenden Fürstlichkeiten hinzufügte: „Hier fehlen noch ein Stücker sechs Fürsten.“ der Kronprinz lachte herzlich und sagte zum Großherzog von Baden: „Nu hör bloß, wieder uns per Dutzend taxiert!“

Betreffs der Größe und Ausführung des Bildes sagte mir der Kronprinz: „am besten, Sie machen es so: sobald Sie nach Berlin kommen, sehen Sie sich im Schloß den besten Raum für ein derartiges Bild an und malen es für diesen Raum. Ich möchte nur, daß das (S. 41:) Bild frisch, wie Sie es entworfen haben, zur Ausführung kommt und auf jede Art möchte ich vermeiden, daß Ihnen jemand da hineinredet.“ Meine Übersiedelung nach Berlin, über die ich damals durchaus noch nichts beschlossen hatte, war damit eigentlich entschieden. –

[...]


1 In dem 1888 in der „Deutschen Rundschau“ erschienenen Auszuge aus Kaiser Friedrichs Tagebuch liest man:

1 Januar 1871.

„Meisterhafter Toast des Großherzogs (von Baden) auf König Wilhelm den Siegreichen.“

Nun trat der Großherzog von Baden mit der ihm so eigenen, natürlich ruhigen Würde vor und rief laut: „Es lebe Se. Kaiserliche Majestät, der Kaiser Wilhelm.“







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