Oldenburg, Dezember 2003 Hans-Joachim Wätjen




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Vorwort

Ein „Fest der Erinnerung“ an den Freund, Kollegen und Lehrer Joseph Calbert war nach dem Willen und den Worten des da­ma­li­gen Dekans des Fachbereichs Sprach- und Literaturwissenschaften Prof. Dr. Gerd Hentschel das zweitägige Colloquium im November 2002 zum Gedenken an den am 3. Juni 2001 Verstorbenen.

Prof. Dr. Joseph Calbert, der seit dem Sommersemester 1974 anglis­tische Sprachwissenschaft an der Universität Oldenburg lehrte, hat in all seinen unterschiedlichen Ämtern das Fach und den Fach­bereich immer entscheidend mitgeprägt. Sein En­ga­gement galt aber auch der Universität als Ganzem. Er argumentierte und stritt für die Erweiterung und Komplettierung des philologischen Spektrums, vor allem um einen romanistischen Studiengang. Ein Projekt, das bekanntlich scheiterte und bis heute zum Nachteil der Universität Oldenburg nicht realisiert werden konnte.

Dass einem Wissenschaftler wie Calbert die Universität Oldenburg mit ihrem philologischen Angebot der Ger­manistik, Niederlan­distik, Anglistik und Slawistik immer zu eng geraten war, ist angesichts seiner Biographie und Arbeitsschwerpunkte verständlich. Die Vorträge des Colloquiums spiegeln den wahr­haft internationalen Lebensweg Joseph Calberts und seine weit­gespannten Forschungsinteressen: allgemeine Sprachwissenschaft in der angelsächsischen Tradition und Ausprägung, fran­zösischsprachige Philosophie und Linguistik, Sprache und Kultur der arabischen Länder.

Ausgewählt worden sind für die „Oldenburger Universitätsreden“ drei Vorträge von Weggefährten und Kollegen Joseph Calberts, denen ein einführendes Gedenken von Prof. Dr. Winfried Boeder vorangestellt ist: „Das vorliegende Bändchen ist eine bescheidene Hommage an J. Calberts Denken und Wirken.“ Mit dem Bezug auf das folgende, gleichsam zweite Vorwort des kompetenteren Kollegen Boeder kann diese Vorrede denn auch kurz bleiben.

Oldenburg, Dezember 2003 Hans-Joachim Wätjen


Winfried Boeder

Zum Gedenken an Joseph P. Calbert
Wir gedenken in diesem Heft unseres Freundes, Kollegen und Leh­rers, Professor Dr. Joseph Calbert, der vor zwei Jahren, am 3. Juni 2001, von uns gegangen ist.

J. Calbert wurde am 28. VIII. 1938 in Braine l’Alleud in Belgien geboren. Er kam aus einer zweisprachigen Bauernfamilie: Sein Va­ter war Wallone, seine Mutter war Flämin. Er erhielt eine klassi­sche französische Ausbildung am Collège Cardinal Mercier und studierte an der Universität Löwen Germanistik und Anglistik. Nach seinem Lizentiatsexamen unterrichtete er Englisch an seiner ehemaligen Schule (1962-1964) und war dann vier Jahre lang Gymnasiallehrer für Englisch in Carthago (Tunesien). Im Jahr 1968 ging er an die Indiana University in Bloomington (USA), wo er als „Associate Instructor“ für Niederländisch und Deutsch arbeitete und seine sprachwissenschaftliche Dissertation schrieb, mit der er sich in ein Grenzgebiet zwischen Literatur- und Sprachwissen­schaft begab und die als die seit Jahren beste beurteilt wurde, die am Germanic Department eingereicht worden war. Anschließend lehrte J. Calbert von 1971 bis 1973 als „Assistant Professor“ an der Universität von Western Ontario in London (Kanada). Nach einer kurzen Gastprofessur an der Universität zu Köln nahm er zum Sommersemester 1974 einen Ruf an die neugegründete Universi­tät Oldenburg an und lehrte seitdem Sprachwissenschaft im Fach Anglistik. Sein Interesse am Arabischen brachte ihn noch mehr­mals in Kontakt mit der einheimischen Wissenschaft arabischer Länder: Im Frühjahr 1985 war er Gastprofessor an der Jarmuk-Universität in Amman (Jordanien) und im Herbst 1988 übte er Lehr- und Forschungstätigkeit in Tunis aus.

J. Calberts Interessen gingen weit über die Anglistik im engeren Sinne hinaus: Er verstand seine Sprachwissenschaft immer auch als allgemeine Sprachwissenschaft, und seine weitgespannten In­teressen umfassten viele grundlegende Probleme der Semantik, insbesondere der Metapher und der Ikonizität. Dabei beherrschte er nicht nur die angelsächsische Tradition, die ihn in Amerika ge­prägt hatte, sondern er griff auch immer wieder Ansätze der fran­zösischsprachigen Philosophie und Linguistik auf. Seine lange Be­schäftigung mit dem Arabischen öffnete ihm den Weg zu einer tiefen Einfühlung in die Tradition und Sprache des Nahen Ostens bis hin zu den semiotischen Aspekten arabischer Schriftkunst.

J. Calbert hat sein Nachdenken über Sprache und seine Vertraut­heit mit kontrastiver Sprachwissenschaft, Modalitäts- und Aspekt­semantik, Theorie der Metapher, funktionaler Grammatik, kogniti­ver Sprachwissenschaft und vielen anderen Gebieten in vorbildli­cher Weise und erfolgreich in seine Lehre eingebracht. Er unter­richtete sehr gern, und seine Studentinnen und Studenten haben dies dankbar gespürt. Die Lehre war ihm bis in die letzten Tage seines Lebens ein Herzensanliegen.

Er hat das Fach Anglistik und den Fachbereich wesentlich mitge­prägt: oft als Fachkommissionsvorsitzender; als Fachbereichsvor­sitzender (d.h. nach heutiger Terminologie: Dekan) 1978 bis 1979, dann zwei Jahre lang von 1991 bis 1993; und als Mitglied des Fachbereichsrats 1977-78, 1981-1985, 1993-1995. In all die­sen Ämtern zeichnete sich J. Calbert dadurch aus, dass er seine Aufgabe sehr ernst nahm und sich verantwortungsvoll engagierte. Hervorzuheben ist z.B. sein Engagement für eine Erweiterung und solide Institutionaliserung der Sprachkurse, u.a. durch seinen Ein­satz für den Unterricht der romanischen Sprachen, des Arabischen und anderer Sprachen, die an unserer Universität nicht in Fächern verankert sind. Er hat wesentlich zur schließlichen Einrichtung des heutigen Sprachenzentrums der Universität beigetragen und damit zur Schaffung von etwas, was an jeder Universität zur normalen Ausstattung gehört. Vor allem aber ist sein vorbildliches Bemühen um eine Einführung der Romanistik zu erwähnen, auch wenn die­ses Projekt gescheitert ist: Seit 1980 hatte es viele einschlägige Beschlüsse der Gremien der Universität gegeben, und die Landes­regierung hatte die Einrichtung der Romanistik bald versprochen, bald abgelehnt, bald verschoben. Im Januar 1993 organisierte J. Calbert eine Tagung: „Romanistik – Die Bedeutung eines Studien­ganges und des Fremdsprachenlernens von Französisch und Spa­nisch für die Carl von Ossietzky-Universität, die Stadt Oldenburg und das nördliche Niedersachsen“; es waren alle Personen und Institutionen vertreten, die in der Nordwestregion an diesem Pro­jekt interessiert sein konnten. Die Tagung war ein großer Erfolg, aber danach überwogen andere Interessen, und die vorgesehenen Stellen fanden andere Verwendung.

* * * * *

Der frühe Tod von J. Calbert ist ein schmerzlicher Verlust. Wir vermissen einen lieben und stets zuverlässigen Freund und Kolle­gen, seine heitere Freundlichkeit, sein Spannungen ausgleichen­des Wirken, sein mutiges Eintreten für Gerechtigkeit, aber auch seinen vorbildlich sachbezogenen Umgang mit Problemen der Selbstverwaltung und sein Bemühen, deren Ideologisierung zu vermeiden; wir gedenken dankbar seines Engagements in der Anglistik und während der Zeit seines Dekanats; und wir erinnern uns an das intellektuelle Vergnügen, mit dem er Kollegen und Studierende an seiner behutsam gewonnenen Einsicht in sprachli­che Bedeutung und sprachliche Zeichen hat teilhaben lassen. Das vorliegende Bändchen ist eine bescheidene Hommage an J. Calberts Denken und Wirken.

* * * * *

Vom 22. bis 23. XI. 2002 fand ein Colloquium zur Erinnerung an J. Calbert statt. In Anwesenheit der Familie Calbert würdigten am ersten Tag der Dekan des Fachbereichs Sprach- und Literaturwis­senschaften, Professor Dr. Gerd Hentschel, und die Vizepräsiden­tin der Universität, Dr. Marion Rieken, Person und Wirken des Verstorbenen. Professor Claude Vandersleyen von der Universität Löwen, J. Calberts Lehrer am Gymnasium und späterer Freund, fand persönliche Worte der Erinnerung; Professor Dr. Heinz Vater von der Universität Köln, ein alter Freund seit gemeinsamer Zeit in Bloomington, skizzierte den wissenschaftlichen Werdegang J. Calberts und würdigte seine wissenschaftlichen Arbeiten; Dr. Florian Panitz sprach über die Zeichentheorie bei J. Calbert. Schließlich sprach Professor Dr. Rainer Grübel über „Krise der Sprache und Sprache der Krise in der russischen Moderne“ – ein Festvortrag, da die Zusammenkunft, wie der Dekan es ausdrückte, ein „Fest der Erinnerung an Joseph Calbert“ sein sollte. Am nächs­ten Tag fanden sich Freunde, Kollegen, Schüler und Bekannte zu­sammen, um das Andenken J. Calberts mit Vorträgen über spe­zielle sprachwissenschaftlichen Themen zu ehren: Professor Dr. Gisa Rauh (Universität Wuppertal): „Referentielle Argumente und syntaktische Effekte“; Professor Dr. Günther Radden (Universität Hamburg): „Der progressive Aspekt in der kognitiven Gramma­tik“; Holger Becker (Universität Oldenburg): „Zur Metaphorizität in der Mathematik des 19. Jahrhunderts“; Claudia Börger (Univer­sität Hannover): „Wortbildungsprozesse aus kognitiver Sicht. Eine Analyse komplexer Präpositionallexeme“; Dr. Thomas Menzel (Universität Greifswald): „Zur Markiertheit sekundärer Funktionen des Kasus Instrumental in slavischen Einzelsprachen“; PD Dr. Rüdiger Harnisch (Universität Bayreuth): „Re-konstruktioneller Ikonismus im Spracherwerb“; Professor Dr. Gerd Hentschel (Uni­versität Oldenburg): „Ikonizität und Transparenz bei sekundären Nominalen im Slavischen“; Dr. Florian Panitz (Universität Olden­burg): „Ikonizität der Wortbildung im Deutschen, Englischen und Arabischen“; Professor Dr. Winfried Boeder (Universität Olden­burg): „Verbale Lexikalisierungsmuster im Georgischen“, der auch die Ergebnisse des Colloquiums und ihren Bezug zum Werk von J. Calbert zusammenfasste. Es zeigte sich, dass die Vorträge in vielfältiger Weise explizit oder implizit auf Gedanken und Interes­sen von J. Calbert Bezug genommen hatten – als ein Zeichen bleibender Verbundenheit mit ihm nicht nur als Mensch, sondern auch als Wissenschaftler.

Heinz Vater

Joseph P. Calbert –
Werdegang und wissenschaftliches Werk


1. Einleitung

Ich lernte Joseph Calbert – von mir wie auch von seinen anderen Freunden „Josse“ genannt – im August 1969 in Blooming­ton/


Indiana kennen. Er war damals bereits ein Jahr als Lektor für Deutsch und Niederländisch am Department of German der Indi­ana University tätig. Ich war gerade aus Hamburg angekommen, um die Stelle eines „associate professor“ an dieser Universität an­zutreten, als ich gebeten wurde, in der Promotionskommission für Josse Calbert mitzuarbeiten. Ich sagte zu und er kam zu mir, um sich mir vorzustellen. Nach einem kurzen Gespräch mit ihm ge­wann ich einen sehr günstigen Eindruck sowohl von Josse Calbert als Person und als Wissenschaftler als auch von der Art und Weise, wie er die Dissertationsthematik bearbeitete. Ich hatte so­fort den Eindruck, dass ich in ihm einen kompetenten Gesprächs­part­ner in linguistischen Fragen finden würde. Was ich damals noch nicht wusste, war, dass ich in ihm auch einen guten Freund finden würde, auf dessen Rat und Hilfe ich immer bauen konnte.

2. Promotion

Zunächst galt es jedoch, die Doktorarbeit über Stil und Bedeutung in der Sprache von Trakl und Rilke zu betreuen und zu begutach­ten, die J. Calbert 1971 abschloss und an der Graduate School der Indiana University einreichte. Sie wurde im Oktober 1972 ange­nommen und erschien 1974 im Niemeyer-Verlag Tübingen unter dem Titel: Dimensions of Style and Meaning in the Language of Trakl and Rilke. In dieser Studie untersucht J. Calbert semantische Dimensionen in der Sprache von Georg Trakls Gedichten, im Kontrast mit der Sprache in Rainer Maria Rilkes (und teilweise in Georg Heyms und Stefan Georges) Gedichten. Er unternahm sta­tistisch-semantische Analysen von Trakls Wortschatz, um stilisti­sche Charakteristika herauszuarbeiten. Das war keine leichte Auf­gabe, da er – wie andere Trakl-Forscher – den Sinn vieler dunkler und symbolträchtiger Passagen ermitteln musste, bevor er eine adäquate linguistische Analyse liefern konnte. Diese für Linguisten wie Literaturwissenschaftler im gleichen Maße wichtige Aufgabe wurde ergänzt durch die Erarbeitung von Kriterien für die seman­tische Interpretation poetischer Sprache, wobei die Frage: „Wie kann die Verbindung von Wörtern zu Sätzen und von Sätzen zu Texten einen bedeutungsvollen Diskurs ergeben?“ (Calbert 1974: 19) eine wichtige Rolle spielte. J. Calberts theoretische Fundie­rung semantischer Textanalysen können heute noch Semantikern und Textlinguisten als Richtschnur dienen.



3. Andere Publikationen

Ich will im Folgenden noch einige der Publikationen herausgrei­fen, die mir besonders bedeutsam erscheinen. Im Jahr 1978 über­sandte mir Josse Calbert ein von ihm und Jan Aarts verfasstes Ma­nuskript zur Semantik von Adjektiv-Nomen-Kombinationen, das ich in meiner Eigenschaft als Mitherausgeber der Reihe Linguisti­sche Arbeiten beim Niemeyer-Verlag, Tübingen, begutachtete und für den Abdruck in der Reihe empfahl. Es erschien 1979 unter dem Titel: Metaphor and Non-Metaphor. The Semantics of Adjec­tive-Noun Combinations. In diesem Buch untersuchen die Auto­ren nicht nur die Semantik von Nominalphrasen, sondern disku­tieren auch eingehend die theoretischen Grundlagen semantischer Analysen. Auf der Grundlage der damals von Katz/Fodor (1963) vorgelegten Semantiktheorie der generativen Grammatik erarbei­ten sie ein Netz semantischer Merkmale, wobei sie einen wichti­gen, bis dahin nicht beachteten Unterschied zwischen echt-binä­ren und pseudo-binären Merkmalen machen:

The main difference between true binary features and pseudo-bi­nary features is that with the former the positive and negative values of the feature each identify a class, whereas with the latter it is only the positive value that identifies a class. For example, the true binary feature [±Male] does not set up two classes: the value [–Male] does not only specify, negatively, that the item to which it is assigned does not belong to the class of males, but also, positi­vely, that it belongs to the class of females. A pseudo-binary feature like [±Vehicle] only specifies that the item to which it is assigned does not belong to the class of vehicles. (AartsCalbert 1979: 19).

Bei echter Binarität wie [±Male] bilden der positive und der nega­tive Wert jeweils eine eigene Klasse; bei pseudo-binären wie [±Vehicle] identifiziert nur der positive Wert eine Klasse.

Die Autoren veranschaulichen den Unterschied durch Grafiken:

Abb. 1 a b




X x x x x

X x x x x x x x

X x x x x

(Aarts/Calbert 1979:19)
Metaphern spielen in dem Buch, wie der Titel schon andeutet, eine zentrale Rolle. Die Autoren definieren „Metapher-Aus­druck“ (S.12) dahingehend, dass der vom Sprecher/Schreiber intendierte Referent nicht zu den normalerweise erwartbaren Referenten des Ausdrucks gehört:

We may speak of a metaphorical expression if one of the senses of one of the terms composing the expression has a referent that does not belong to the reference class denoted by that sense.

Hören wir den Ausdruck eloquent stars, so wissen wir, dass Red­seligkeit keine normale Eigenschaft von Sternen ist, dass diese merkwürdige Kombination zweier Wörter also anders zu deuten ist. Ich habe das Buch wegen der anschaulichen Darstellung se­mantischer Strukturen (insbesondere metaphorischer Ausdrücke) und der instruktiven Erörterungen zur Theorie und Methodik der Semantik immer gern in meinen Seminaren und Vorlesungen be­nutzt und Studenten zur Lektüre empfohlen.

Der Metaphern-Thematik ist auch Calberts Aufsatz „Metaphern über Sprache“ gewidmet. Er hebt hervor, dass Sprachbenutzer im allgemeinen ohne Schwierigkeiten mit Metaphern umgehen kön­nen, obwohl ihr Gebrauch oft größeres Nachdenken auf Seiten des Hörers bzw. Lesers erfordert. Metaphern sind nicht das Privi­leg der Dichter; sie sind allgegenwärtig. In Anlehnung an Lakoff/Johnson (1980) nimmt Calbert an, dass auch normale Sprache metaphorisches Denken voraussetzt, dass viele unserer Kultur zugrundeliegenden Metaphern oft “ungeahnt“ bleiben. Dazu gehören auch Metaphern über Sprache. Beliebte und häufig verwendet sind Metaphern aus dem organischen Bereich, Sprache wird als Lebewesen behandelt. Man denke nur an Bezeichnungen wie Sprachverwandtschaft, Sprachfamilie, Muttersprache, Toch­tersprache, Blütezeit, Erstarrung, Fossilierung, Verfall, Sprach-Tod usw. Auch ein zentraler Terminus der Linguistik wie Wurzel ist eine Metapher aus dem organischen Bereich. Hierher gehören auch Bezeichnungen aus dem Bereich der Valenz wie Aktant bzw. Mitspieler für die von einem Verb (oder einem Wort einer anderen Klasse) regierten Elemente. Für Calbert ist es kein Zufall, dass sich die wesentlichen Metaphern für Sprache, ihre Eigen­schaften und Bestandteile auf einige Grundmetaphern reduzieren lassen. Die Metaphernthematik behandelt Calbert auch in seinem Aufsatz “Iconicité et attitudes linguistiques“ in der sprachwissen­schaftlichen Zeitschrift Linguistica Communicatio.

In seinem umfangreichen Aufsatz „Towards the Semantics of Mo­dality“ (1975) setzt sich Calbert kritisch mit dem damaligen For­schungsstand im Bereich der Modalität auseinander, der durch mangelnden Konsens in Bezug auf die Abgrenzung des Modali­tätsfeldes und Unkenntnis charakteristischer semantischer Eigen­schaften von Modalkonstruktionen gekennzeichnet ist. Er bemüht sich daher, die den Modalkonstruktionen zugrunde liegenden kon­zeptuellen Grundbedeutungen herauszuarbeiten, die durch vom Kontext beigesteuerte Konnotationen (“overtones“) gefärbt sein können. Anhand der Modalverben (die er als Vollverben an­sieht) arbeitet er heraus, dass ein bestimmter Modalitätsgrad in al­len Sprechakten enthalten ist.

In Anlehnung an Halliday (1970) definiert er Modalität als Einstel­lung des Sprechers zum Inhalt des Gesagten. Diese Einstellung bezieht sich bei inferenziell verwendeten Modalverben auf die vom Sprecher angenommene Wahrscheinlichkeit in Bezug auf den Wahrheitsgehalt der Äußerung (vgl. Hans muss/wird/kann zu Hause sein)1, bei nicht-inferenzieller Verwendung auf den Grad der Volition oder Erlaubnis in einem Satz (vgl. Hans muss/soll/


will/darf/kann einen Bericht schreiben
).2 Es gelingt ihm, eine für beide Verwendungen im Prinzip einheitliche zugrunde liegende Struktur anzusetzen. Hervorzuheben ist, dass Calbert zu den ersten Linguisten gehört, die sich der kognitiven Funktion von Sprache bewusst sind – lange vor Herausbildung der „kognitiven Linguistik“ –, wie seine Bemühung um Auffindung konzeptueller Strukturen zeigt. Deshalb ist es kein Zufall, dass heute, wo der kognitive Aspekt von Sprache im Mittelpunkt steht, dieser Aufsatz (Calbert 1975) wieder öfter zitiert wird.

4. Persönliches

Bereits in den USA verband mich eine enge Freundschaft mit Josse Calbert, die auch seine Frau Marie Thérèse und seine Kinder einbezog. Josse war Trauzeuge bei meiner Hochzeit in Blooming­ton/Indiana. Wir unternahmen gemeinsam Reisen und Ausflüge. Ich besuchte ihn mehrmals in London/Ontario und in Oldenburg. Mit Josse Calbert konnte ich zu jeder Zeit über alle sprachwissen­schaftlichen, aber auch universitären Probleme sprechen, mit de­nen man ja als Lehrstuhlinhaber ständig konfrontiert wird. Ich schätzte immer seinen klugen (oft in humorvoller Form verab­reichten) Rat und konnte mit ihm immer ausgiebig alle Aspekte eines Problems erörtern. Naturgemäß war unsere Gemeinschaft besonders eng in der Zeit unseres gemeinsamen Aufenthalts in Bloomington/Indiana und während seiner Gastprofessuren in Köln. In Bloomington hatten wir beide nicht weit voneinander entfernte study rooms in der riesigen, wunderbar ausgestatteten Universitätsbibliothek, in der man praktisch Tag und Nacht verbringen konnte. Die Bibliothek war bis 2 Uhr nachts geöffnet. Man hatte nicht nur Bücher zur Verfügung (die study rooms er­hielt man immer in der Nähe der benötigten Bücher, in diesem Fall also in der germanistisch-linguistischen Unterabteilung). Man konnte in der Cafeteria essen und notfalls sogar im study room schlafen (jedenfalls ging das Gerücht, dass einige besonders eifrige Bücherwürmer in ihrem study room schliefen). Wir richte­ten es meistens so ein, dass wir zur gleichen Zeit an der Biblio­thek waren, um dann gemeinsam eine Ess- und Diskussionspause einzulegen.



5. Schluss

Joseph Calbert war ein sehr kompetenter Linguist, dem wir viele Anregungen, vor allem in den Bereichen Semantik, Textlinguistik und Kontrastive Grammatik zu verdanken haben. In vielerlei Hin­sicht, so insbesondere bei der semantischen Analyse deutscher und englischer Modalverben, hat er spätere Entwicklungen vor­weggenommen. Darüber hinaus war er ein engagierter Hoch­schullehrer, der seine Studenten und Doktoranden hervorragend betreut und beraten hat, wie nicht zuletzt die unter seiner Anlei­tung verfassten Staatsexamens- und Doktorarbeiten bezeugen. Zu erwähnen ist z.B. die bemerkenswerte textlinguistische Disserta­tion von Florian Panitz (1998). Vor allem aber war Josse Calbert ein warmherziger, liebenswerter, stets hilfsbereiter Mensch, des­sen Esprit und Schlagfertigkeit, kluger Rat, aber auch intensive An­teilnahme am Geschick seiner Freunde und seiner Familie einen immer wieder beeindruckten. Wir werden ihm ein stetiges, liebe­volles Andenken bewahren.



Literatur

Aarts, Jan M.G. – Joseph P. Calbert 1979: Metaphor and Non-Metaphor. The Semantics of Adjective-Noun Combinations (= Linguistische Arbeiten 74). Tübingen: Niemeyer

Calbert, Joseph P. 1974: Dimensions of Style and Meaning in the Language of Trakl and Rilke. Contributions to a Semantics of Style (= Linguistische Arbeiten 17). Tübingen: Niemeyer.

Calbert, Joseph 1975: „Toward the Semantics of Modality“. In: Joseph Calbert – Heinz Vater: Aspekte der Modalität (= Studien zur deutschen Grammatik 1). Tübingen: Narr, 1-70.

Calbert, Joseph P. 1981: Metaphern über Sprache. Manuskript. Universität Oldenburg.

Calbert, Joseph P. 1989: „Iconicité et attitudes linguistiques“. Linguistica Communicatio. Revue internationale de linguistique générale 1/1 : 55-72.

Calbert, Joseph P. 2000: Figurative Language. Compendium. Manuskript zum Hauptseminar, Sommersemester 2000. Universität Oldenburg.

Calbert, Joseph P. – Florian Panitz 2001: „Case Variation in Modern Arabic“. In: W. Boeder – G. Hentschel (Hrsg.): Variierende Markierungen von Nominalgruppen in Sprachen unterschiedlichen Typs (= Studia Slavica Oldenburgiensia 4). Oldenburg: BIS-Verlag, 135-152

Halliday, M. A. K. 1970: „Functional diversity in language as seen from a consideration of modality and mood in English“, Foundations of Language 6: 322-361

Katz, J.J. – J. A. Fodor 1963: „The structure of a semantic theory“, Language 39: 170-210

Lakoff, George – Mark Johnson 1980: Metaphors we live by. Chicago – London: The University of Chicago Press

Panitz, Florian 1998: Die temporalen Elemente des Englischen und deren Zeitbezug in fiktionalen narrativen Texten (= Linguistische Arbeiten 377). Tübingen: Niemeyer
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