Masarykova univerzita V brně




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MASARYKOVA UNIVERZITA V BRNĚ


             Filozofická fakulta
             Katedra germanistiky

Realitätsbezug im Werk von Werner Schwab

             Diplomová práce

Vedoucí práce: PhDr. Jaroslav Kovář, CSc.
Zpracovala: Dana Klugerová Brno 2006


Prohlášení
Prohlašuji, že jsem tuto diplomovou práci zpracovala samostatně a že jsem vyznačila veškeré prameny, z nichž jsem čerpala.

V Brně dne ……………………….. ………………………………

(Dana Klugerová)


Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung …………………………………………………………………………..4


2. Bürgerliches Schocktheater …………………………………………….………….7
3. Genderkonflikte…………………………………………………………………...16
4. Bezug Schwabs Dramaturgie zur Tradition des österreichischen Theaters ………32
5. Das Schwabische …………………………………………………………………44
6. Abschluss ………………………………………………………………………....61
7. Literaturverzeichnis ……………………………………………………………....64
8. Anlagen ……………………………………………………………………….…..68


  1. Einleitung

die Schrift ist wichtig…die Schrift ist doch das einzige, das es wirklich gibt… die Schrift ist doch ein Leben…ohne die schlechten Lebenszeiten. Was soll sie denn machen, die Menschheit ohne die Schrift. Die Schrift ist doch das allerletzte, was die Menschen vor sich bewahren kann.1


Diese Aussage gehört einer der Schwabischen Dramenfiguren aus „ÜBERGEWICHT, unwichtig: Unform, ein europäisches Abendmahl“. Sie bestätigt die Grundidee von Werner Schwab, einem österreichischen Autor, der in der Silvesternacht 1993/94 vorzeitig gestorben ist. Er starb als 34 jähriger, erfolgreicher Schriftsteller, der aber stets für eine große Anzahl des Publikums oder der Leser skandalös erscheint.

An dem Abend, an dem er Starb, war er gerade dabei sein letztes Theaterstück „Antiklimax“ zu vollenden. Es war das erste Schauspiel von Werner Schwab, wodurch ich mit dem Autor in den Kontakt kam. Ich war begeistert von seinem Sprachgebrauch und von der mutigen Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen. Das Interesse an dem zeitgenössischen Schaffen eines, meinerseits bisher unbekannten, deutschsprachigen Autors erweckte in mir die Neugier, etwas Näheres über sein Werk zu erfahren und sich mit diesem Thema in der Diplomarbeit zu befassen.


Die führende Persönlichkeit, die sich der Präsentation von Schwabs Stücken an den Tschechischen Bühnen widmet, ist der Direktor des Prager Theaters „Komödie“ Dušan Pařízek. Einer seiner Übersetzer, deren Courage ich am meisten schätze, ist Josef Balvín, der die tschechische Uraufführung der „Präsidentinnen“ übersetzte.

In das Bewusstsein der Tschechischen Leser konnte W. Schwab durch die Tätigkeit des Brünner Verlages „Větrné mlýny“ kommen, wo es zur Herausgabe der „Präsidentinnen“ und „Mein Hundemund“ kam.

Obwohl Werner Schwab in den Theaterkritiken und der Sekundärliteratur als „der Höhepunkt der österreichischen Literatur der 90-er Jahre2 benannt wird und z.B. mit solchen literarischen Persönlichkeiten wie Elfriede Jelinek und Peter Turrini verglichen wird, ist die Zahl von seinen Biographien und Interpretationen erstaunlicherweise gering.

Dank der Bemühung der Karl-Franz Universität Graz, wurde der Nachlass von Werner Schwab an der Jahrtausendwende in die Verwaltung des Franz Nabl Instituts in seiner Heimatstadt aufgenommen und bearbeitet. Hier liegt auch das Zentrum der wissenschaftlichen Tätigkeit zum Werk von Werner Schwab und aufgrund dessen konzentriert sich hier auch die Mehrheit der Diplom- oder Dissertationsarbeiten, dieses Thema betreffend, auf dem deutschsprachigen Gebiet. Ein beträchtliches Interesse für Schwabs Schaffen entwickelte sich am Ende der 90-er Jahre des 20. Jahrhunderts an den amerikanischen germanistischen Instituten. Davon zeugen die Aufsätze von Jutta Landa und Julian Preece.


Diese Arbeit bezieht sich nicht darauf, eine Übersicht des Schwabschen Werkes zu gestallten. Ich versuche darin, die wichtigsten Merkmale der Schwabischen Dramatik zu erfassen. Ich beziehe mich auf Texte die in Sammelbänden: „Fäkaliendramen“, „Königskomödien“ und „Dramen Band III“ beim Verlag Droschl in Wien veröffentlicht wurden.

Darunter widme ich manchen Texten eine größere Aufmerksamkeit, was die Form, Sprache und Themenwahl anbelangt. Das erste Kapitel gestallte ich als eine Vorstellung der Themen, die der Autor anspricht, bzw. die sich durch das gesamte Schaffen Werner Schwabs zogen und die ihm am meisten am Herzen lagen. Wenn es der Kontext der Mitteilung erfordert, füge ich biographische Angaben hinzu. Es ist aber nicht der Sinn dieser Arbeit einen genauen Lebenslauf des Autors zu behandeln. Zu diesem Zweck könnte reichlich die Liste der Sekundärliteratur dienen und ein Teil der Anlagen dieser Diplomarbeit, wo ich eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Lebensdaten des Autors angehängt habe.


Im anschließenden Kapitel befasse ich mich mit den Hauptmerkmalen und Besonderheiten der Schwabischen Figuren im Bezug auf das Zeitgeschehen. Darauf folgt eine nähere Analyse des Schwabischen Sprachgebrauchs, der zu den Hauptmerkmalen seiner Dramentexte und Prosa wurde.

Helmut Schödel, einer seiner am meisten zitierten Kritiker, bezeichnete Schwabs Text als „ein Wechselbad aus schiefen Bildern, grammatikalischen Verbrechen und poetischen Höhenflügen“.3 Ich bemühe mich darum, diesen Erscheinungen auf die Spur zu kommen.




  1. Bürgerliches Schocktheater

Die Benennung dieses Kapitels wurde der Überschrift des Buches von Jutta Landa4 entnommen, das sich dem modernen, bzw. postmodernen Drama im deutschsprachigen Raum widmet. Dieser Terminus enthält aber zahlreiche Ansatzpunkte, aus denen Wurzeln die Prosatexte von Werner Schwab gewachsen sind. Seine Dramenfiguren sind vor allem Repräsentanten der bürgerlichen Schicht und man könnte die These von J. Landa, dass „bürgerliches Schocktheater nicht für, sondern gegen die Bürger geschrieben5 wurde, zugleich an das Werk von W. Schwab anpassen, dessen bürgerliche Helden innerhalb ihres Lebensraumes skrupellos geschildert werden und damit gleichzeitig das überwiegend bürgerliche Publikum verspottet wird.


Werner Schwabs dramatische Texte basieren im Vergleich zum „Bürgerlichen Schocktheater“ nicht auf dem schockierenden Charakter der Fabel oder auf dem Empfinden des szenischen Geschehens. Sie beinhalten keine eindeutige kritische Botschaft des Gesellschaftssystems, der Autor bringt auf die Bühne keine ethische Predigt oder erlösende Moral. Zum Mittelpunkt wird die Sprache, die viele Rezeptionsversuche verhüllt. Man begegnet auch keiner Fabel im klassischen literarischen Sinne. Seine Stücke spielen in einem beschränkten Raum ab, kann es ein Mietshaus in einer Provinzstadt, ein Restaurant oder nur innerhalb einer Familie sein, womit Schwab in den „Bauch des Gesellschaftskörpers6 zielt.

Die bürgerliche Familie wird zum Mittelpunkt der Grausamkeit, wo sich heimlich verschiedene Formen der gesellschaftlichen Verderbtheit zeigen lassen. G.A.Höfler beschreibt das Milieu der Schwabschen Dramen folgend: „Eine geschlossene soziale Gruppe mit eingeschliffenen Verkehrsformen [im vorliegenden Fall auch sexuell zu verstehen] wird aufgewühlt durch einen Außenseiter.“7


In „Übergewicht“ gehört zu dieser Art von Außenseitern „das schöne Paar“, das in einer gewöhnlichen Kneipe unter den Stammgästen erscheint. Die Stammgäste sind eine bunte Mischung aus scheiternder Existenzen, Alkoholikern, Prostituierten, Arbeitslosen, gebildeten Träumern oder einfach unzufriedenen Kleinbürgern, die im Laufe des Stückes eine erhebliche Differenz zwischen ihnen und dem schönen Paar beobachten, womit sie sich nicht zufrieden geben wollen und einen kannibalischen Mord am schönen Paar begehen. Jürgen, ein philosophierender Gelehrte begründet die geschehene Mordtat folgend: „Das alles Passierte immer wieder passieren muss. Daß wir immer wieder uns umbringen und hinuterfressen müssen.8
In diesem Stück, wie auch in anderen Schwabs Stücken kommen viele Anspielungen an die österreichische verdrängte nationalsozialistische Vergangenheit und überhaupt die gewaltige Geschichte Europas hervor. Die Wirtin des Gasthauses knüpft an Jürgens Gedanken an, in dem sie das „Umbringen“ als „die erste Idee von der Welt“ charakterisiert… „das Umbringenmüssen gar nicht das Umbringenmüssen ist, sondern dass der Mensch selber das Umbringenmüssen ist, so wie der Himmel der Himmel sein muß…9 Diese absurd wirkenden Schlussfolgerungen, die einen Mord mit der christlichen Symbolik und Moral zusammenbringen sind einer der charakteristischen Merkmale für Schwabs Werk. Die falsche bürgerliche Moral, die für Werner Schwab immer wieder mit der katholischen Kirche und ihren Tabus in Verbindung stand, wird hemmungslos in zahlreichen Varianten auf die Bühne gebracht. Werner Schwab spielt mit zahlreichen negativen Eigenschaften des menschlichen Individuums, die durch die Verbindung mit den gesellschaftlichen, bzw. staatlichen Anordnungen und Gesetzen oder christlichen moralischen Prinzipien karikiert werden.

Davon zeugt auch die Figur der Wirtin, die dank ihrer Profession verschiedene Arten von menschlicher Gewalt beobachtet: “…ein Verbrechen ist der freie Markt im Menschen, darum habe ich immer einen ganzen Haufen Kerzen eingesteckt.10 Sie wagt es, die Banalität, Engstirnigkeit und die tierischen Triebe der menschlichen Masse zu benennen.


Diejenigen, die sich von dem Durchschnittsmensch unterscheiden, werden von der kleinen, neidischen, ungebildeten Masse kaputt gemacht. Wie es oft in Schwabs Dramen vorkommt, suchen sich die schwächeren und scheiternden Personen einen Feind aus, um sich mit den eigenen Schwächen nicht konfrontieren zu müssen (wie z.B. der Tod der Porno-vorstellerin in „Pornogeographie“, Ermordung der Mariedl in den „Präsidentinnen“ usw.).

Dabei spielt eine große Rolle auch die Angst vor fremden und neuen Erscheinungen. „Irgendwie müssen wir einer jeden Fremdheit den Kragen abschlagen…“11. Man findet wenige, die sich mit der Übermacht nicht einlassen, durch diese Außenseiter wird die bürgerliche schmutzige Wäsche vom Autor gründlich gewaschen. Werner Schwab kennt aber keine schwarz-weißen Charaktere, jede Figur hat eigene Schattenseite. Davon zeugt auch der Ausklang dieses Stückes. Die Szene, die im zweiten Akt tierisch absurd endete, verwandelt sich im dritten Akt in ein Lokal, wo „das schöne Paar“ wieder speist. Diesmal wird aber das Milieu durch die Augen der Repräsentanten der großbürgerlichen Schicht geschildert, die sich über die geschlossene Stammgastgruppe lächerlich macht. Julian Preece paraphrasiert in seinem Vortrag die These von H. Schödel, in der er als Hauptmerkmal der Schwabischen Dramatik die „Eskalation“ bezeichnet. Werner Schwab treibt das Geschehen an die Grenze, entwirft die abscheulichsten Bilder unserer Umwelt und zum Teil macht er solche Entwicklung rückgängig, in dem im anschließenden Akt ein neuer Anfang der dramatisch gesteigerten Szene erscheint12


In „Eskalation Ordinär“ wird zum Außenseiter ein ehemaliger Sparkasseangestellter, Helmut Brennwert, dessen vorbildhafte Existenz, nach den allgemein anerkannten Vorstellungen, scheitert, er wird anschließend von seiner Verlobten verlassen und von den „anständigen Bürgern“, die z.B. durch den leitenden Sparkasseangestellten charakterisiert werden, verspottet.

Der Mensch wird als ein konkurrierendes, konkurrenzausgestelltes Wesen dargestellt, das gerne seine Macht und Stellung an den Schwächeren ausübt. Der ehemalige Sparkassenangestellte wird als ein unbrauchbares Gesellschaftsmitglied erniedrigt.

In diesem Stück begegnet die verdrängte Vergangenheit Österreichs und die zeitgenössischen Medienrealität, bzw. Konsumgesellschaft einander. Das Geschehen, besonders die gewaltigen Ausschreitungen, die am Brennwert begangen werden, werden in die Medien übernommen. Es wird zynisch vermittelt, welche Sorte von Zeitungsartikeln und Berichte von den Medien präsentiert werden und auf dem Medienmarkt verkauft werden. Der „anständige Mensch“, wird zum Produkt der modernen Gesellschaft und zum Objekt der Werbung und des Medieneinflusses. Seine Teilnahme an der Konsumgesellschaft wird durch zahlreiche Symbole dargestellt. Wohlstand zeichnet sich durch eine Stelle in der Sparkasse aus, die als ein „Altar“ des bürgerlichen Erfolges verstanden wird. Ein durchschnittlicher Konsummensch ernährt sich von dem populären Schnellimbiss. Ein Durchschnittsmensch wird zum Egoisten und Verbraucher, ohne höhere Ziele oder tiefgehende Prinzipien. Die Realität und die verkrüppelte Moral, die man vom Autor vermittelt bekommt, ist verdorben.
Zum Thema werden auch Generationskonflikte gebracht, in dem Schwab auf die Szene oft ein älteres Ehepaar eintreten lässt oder die Verständigungsprobleme zwischen den Eltern und ihrem Nachwuchs projiziert. In „Eskalation“ vertritt ein „älteres Ehepaar“ eine Rolle des älteren Publikums, das einer Situation näher kommt und sie bewertet. Im dritten „Affekt“, so bezeichnet Schwab in diesem Stück die Akte, beurteilt der alte Ehemann die Erniedrigung des Sparkassenangestellten, die von einer Vergewaltigung bis zur einer sexualen Orgie übergeht: „Ach wissen Sie, das ist alles ein bisschen modernistisch kompliziert. Zu meiner Zeit hat man solche Leute einfach nur vergast, erschossen oder aufgehängt.“13 Die ältere Generation distanziert sich von dem Handeln der jüngeren Generation, äußert ihr Misstrauen, das in vielen Fällen auch antisemitische und nationalsozialistische Ansätze bekommt. Eine Art Wollust nach der Übermacht und lüsternen Machtphantasien ruhen in vielen Schwabs Dramenfiguren, die sich im „normalen“ Umfeld bewegen und ihn beeinflussen.
Man findet in Schwabs Prosastücken oft Anspielungen an die NS-Vergangenheit, die durch die Wollstandsgesellschaft verdrängt wurde. Für die Konsumgesellschaft und an das materielle Anhäufen orientierte neue bürgerliche Klasse verwendet Werner Schwab vertretende Symbole.

Oft wird von dem Materiellen und Nahrhaften z.B. von der Wurst die Rede, die immer wieder im Text vorkommende Wurst, wurde zum alltäglichen Nahrungsmittel. Die Wurst, das fast-food, steht für das Materielle, das Fleischliche und für das Körperliche, worauf die moderne Gesellschaft basiert. „Man stelle sich einmal vor das geistige Auge: Mehl, Blutplasma, Speck, Geschmacksverstärker, Phosphate etcetera; keinerlei lebensnotdürftige Vitamine. Aber man muß den Symbolwert so einer Wurst sich rechnen lassen können. Die Würstel als Metapher für eine kulturelle Solidarität, wissen Sie, als billiger, massenhafter Zugang zum tierischen Eiweiß.“14 Die Lebensmittel werden als bloßes Material dargestellt. Es funktioniert kein Bezug zu seiner natürlichen Herkunft, die geschlachteten Tiere werden nur als Fleisch betrachtet, verzehrt, verdaut.

Von dem Materiellen leitet Herbert Herzmann eine Art von „Machtphantasien“ ab, die er mit sog. „Einverleibungsphantasien15 vergleicht. Diese Sucht nach der Nahrung stellt in Schwabs Stücken tatsächlich eine Art Aggressivität dar. Ebenso in „Präsidentinnen“ oder in „Volksvernichtung“ stellt die gierige Annahme der Nahrung als ein vertretendes Symbol für etwas Tierisches, was in den Menschen verborgen ist. „Die Figuren sagen und tun das, was die meisten verschweigen oder heimlich tun…..die Seele ist nichts anderes als ein animalischer Hunger16

Das Fleischliche erscheint zugleich als ein Symbol der Sexuellen Triebe, Nahrung und Exkremente. Schon Sigmund Freud zog Parallelen zwischen der Nahrungsnotdurft und dem sexuellen Verlangen. In der Schwabischen Textbearbeitung findet man viele Bedeutungsüberschneidungen und symbolischen Erklärungen, die mit den animalischen menschlichen Trieben zusammenhängen, die man aber auch mit anderen Konnotationen in Verbindung setzen könnte.

Anderseits kann man die Vorliebe für die Würstchen als Esskultur eher den deutsprachigen Gebieten zuschreiben und damit Schwabs Spektrum der Anti-Deutsch-Österreichischen Symbole erweitern, die in diesem Rezeptionsfall auf einem klischeehaften Grund beruhen.

Eine andere Erscheinung, wo die Lebensmittel eine wichtige Rolle spielen, stellen Momente der Selbstbezichtigung oder der Buße dar. Die Dramenfiguren, die ein sehr niedriges Niveau der Selbstachtung besitzen, bemühen sich das Geschehene wieder gut zu machen, in dem sie sich tierisch mit dem Essen voll stopfen, wie z.B. die Mariedl in „Präsidentinnen“. Eine andere Art des Wiedergutmachens verkörpert die Mutter der Mariedl in „Antiklimax“, die die Gegenstände und den Schritt eigener missbrauchten Tochter, mit Fett beschmiert, um eigenen Gewissensbissen zu entkommen.


Artur Pelka macht in seiner Studie zur Körperlichkeit im Werk Werner Schwabs auf die Intertextualität in den Schwabischen Texten aufmerksam. Er hebt die symbolischen Anspielungen hervor, die einerseits die Nahrung in einen Zusammenhang mit der Konsumgesellschaft bringen, anderseits aber mit dem theologischen Hintergrund Gemeinsamkeiten aufweisen.

Seine Beispiele betreffen besonders „Die Präsidentinnen“, „Übergewicht“ und „Pornogeographie“. Überwiegend aus diesen Texten sucht er symbolische Vergleiche mit dem alten und neuen Testament heraus. In „Präsidentinnen“ kontrastieren zwei Milieus, zum einen Teil „das sacrum der Kirche17, das sich mit dem „profanum der Küche18 vermischt. Damit meint er schon die erste Szene, wo die Vatikanische heilige Messe mit dem kleinbürgerlichen, kitschigen Milieu der Küche der Präsidentinnen einander stößt. Solche Bilder sind im ganzen Text zu finden. Ständig kommt ein Kontrast zwischen dem Geschehen (z.B. die drastischen Szenen in den Phantasien der Hauptdarstellerinnen) und dem Gesprochenen (die moralisierenden Reden der frommen und sparsamen Erna) vor. Er schreibt ebenso der Textstruktur eine christliche Symbolik zu, in dem er vermutet, dass die Mariedl eine Art jüngstes Gericht vollstreckt. Diese Assoziation könnte an die Szene ihrer Phantasien angepasst werden, wo sie ihre Freundinnen mahnt und sie ihren Sünden bezichtigt. Weiter vergleicht A. Pelka die drei Frauenfiguren mit der Anna-selbstdritt.

In „Pornogeographie“ nennt er die symbolische Zahl 7, die für die sieben Kapitel (nach Werner Schwab: 7 Gerüchte), im übertragenen Sinne sieben Todsünden steht. Den Opfermord der Porno-vorstellerin gleicht er dem alttestamentarischen Opfer an und gleichzeitig behauptet, dass sich hinter dem Bedürfnis nach dem Opfer ein Atavismus entblößt, der in dem Menschen seit seinem Ursprung angeankert ist. 19
Für meine Ansicht geht diese Interpretation zu weit. Es ist nicht zu bestreiten, dass der Autor und Mensch Werner Schwab lebenslang mit dem Gedankengut der katholischen Kirche gekämpft hat, solche Symbolik würde ich ihm aber auch wieder nicht zuschreiben, weil es meines Erachtens dem Sinn des Schwabischen nicht folgt, solche Symbolik beinhaltet kein Anzeichen der satirischen und zynischen Elemente, die für das Schwabische so charakteristisch sind. Für interessant, und damit bin ich auch mit der These von A. Pelka einverstanden, finde ich die Zusammenhänge des Materiellen mit der Devalvation der christlichen Werte, wie z.B. der Bedeutung von Eucharistie, wie z.B. in den Passagen in „Übergewicht“. Hier wird das Wort Brot in verschiedenen Zusammenhängen erwähnt. Der Zuschauer oder Leser wird verunsichert, ob es sich nicht nur um ein Wortspiel handelt. Dieses Wortspiel wird mit den Worten von Schweindi erweitert: „Kriegsverbrecher, Brotbetrüger, Kriegsbetrüger, Brotverbrecher. Nie wieder erlangst du von mir eine Vergebung.“20 An diesem Beispiel kann deutlich gesehen werden, wie Schwab mit der Sprache und der Interpretation der sprachlichen Zeichen gespielt hat. Wieder gewinnt die Sprache eine mehrfach kodierte Bedeutung.
Allein die Figuren tragen die Namen, durch die sie charakterisiert werden können oder wodurch eine bestimmte Meinungsäußerung bekannt gegeben wird. In „Eskalation“ trägt der ehemalige Sparkassenangestellte (Helmut Brennwert) einen Namen, der schon wieder auf die Kraft der Nahrung verweist. In „Präsidentinnen“ und „Volksvernichtung“ erscheint ein identischer Fleischer Wottila, dessen Name absichtlich dem bürgerlichen Namen des ehemaligen Papstes ähnelt. Auch für „Präsidentinnen“ und Schwabs letztes Drama „Antiklimax“ ist ein Name gemeinsam, es handelt sich um die Mariedl. In den „Präsidentinnen“ eine Rentnerin und im „Antiklimax“ eine Jugendliche, die teilweise gemeinsames Schicksal haben, in dem sie ihrer Umgebung nicht entweichen können.

Schwabs Gestalten werden mit ihrem Alltag konfrontiert. Der Alltag wird als eine der abartigsten Routinen präsentiert und in einen Netzt von verschiedenen Parallelen gestellt. „Jeder Tag, ein gleiches Haus, das Stockwerk darf höchstens einmal dreckiger sein als in einem vergangenen Tageshaus und der Schlüßel zur Wohnungstür ist längst erwachsen genug, um alleine zu öffnen, wenn der schwerblütige Eigentümer einmal mehr betrunken ist.“ 21 Die Alltagsmenschen erleben nicht, sie planen nicht, sie verwirklichen eigene Wünsche nicht, sie schweben in einem Vakuum, sie überleben vom Tag zu Tag. Ein fester Bestandteil des Alltaglebens ist jede Art von Sucht, möge es Alkohol oder eine andere Art vom Rauschmittel sein. Ohne diese Giftstoffe können diese Menschen keinen einzigen Tag in der grausamen Realität überleben.

U. P. Halberg sieht das Kritische an Schwabs Texten, dass sie direkt in uns hinein greifen, sie stellen uns eine Linse vor die Augen, die uns in eine mehrfach vergrößerte, gesteigerte absurde Welt hineinschauen lässt : „Schwabs Dramatik gestaltet exemplarisch die grundlegende Konklusion des 20. Jahrhunderts: Die Einsicht in die eigene Unmenschlichkeit.“22 Es entspricht tatsächlich dem Ziel der Schwabschen Dramatik, das Innere zu entkleiden.


  1. Genderkonflikte

Eine besondere Stelle nehmen in Schwabs Dramen Frauenrollen ein. Sie werden einerseits als ausgenutzte, fleischliche, körperliche und stets abwertende Objekte dargestellt, unter denen aber manchmal seltene Ausnahmen erscheinen, die nach Anerkennung und Gerechtigkeit streben. Ihre Bestrebung stößt meistens an die Abwehr der Gemeinschaft und mündet in ein unglückliches Ende.

Schwabs „Frauenheldinnen“ sterben entweder durch sie selber oder werden von ihrer Umgebung zum Tode gefoltert. Werner Schwab hat mit seinen literarischen Figuren kein Erbarmen, er entblößt ihr Inneres vollkommen. Wenn man im Ganzen die Stellung der Frauenrollen in den Dramen von Werner Schwab beobachtet, könnte man auch von einer sonderbaren Art des Frauenhasses sprechen.

In „Volksvernichtung“ findet man eine Anzahl an Frauencharakteren, die sich in verschiedenen Lebenssituationen befinden und die unter dem Einfluss von sehr unterschiedlichen Klischees oder Stereotypen leben oder sie überwinden müssen. Im Grunde genommen stereotypisiert Schwab einigermaßen das Weibliche und weist klischeehaft auch auf die mütterliche Rolle hin. Die Frauen befinden sich oft in einem patriarchalisch ausgerichteten Milieu und ihre eigenen Wünsche nach der Selbstverwirklichung unterliegen strengst der ehelichen Verbindung mit einem Mann. Der Chauvinismus der männlichen Figuren bestimmt auch sozusagen ein Abhängigkeitsverhältnis in der Ehe.

Wie z.B. die Frau Kovacic in „Volksvernichtung“, die als Ehefrau eines Immigranten und eine gute Katholikin, vor der Öffentlichkeit die Affinität ihres Mannes zur sexuellen Belästigung ihrer zwei Töchter verbirgt. Es kommt viel Verdrängtes heraus, im Falle Frau Kovacic ist es durch die Erziehung tief einverleibte Christliche Moral, die aber unter diesem Gesichtspunkt pervers erscheint. Herr Kovacic, der sich gut etablierte „Einwanderer“ äußert nur im Verborgenen, hinter vier Wänden der Wohnung, seine Meinung über Frauen: „Das…das ganze Weltall ist ja nur noch ausgestopft mit lauter dreckigen Weibern. Die ganze Welt ist…voller Löcher.“23 Die Ausdrucksweise mancher Schwabs Figuren wirkt abgehärtet, ungebildet und arrogant, sogar vulgär. Sie überraschen gleichzeitig aber, in dem sie plötzlich einen hoch gestochenen Ausdruck verwenden, der man in demjenigen Milieu und von derjenigen Figur nicht erwarten hätte.

Auf dieser Stelle ist zu verzeichnen, wie aus dem Interview mit Werner Schwab 24 hervorgeht, dass er sexuelle Begriffe und die Sexualität als Symbole auch im übertragenen Sinne anwendete, wie z.B. für andere abartigen Eigenschaften eines menschlichen Individuums oder einer menschlichen Gemeinschaft.


Die Vergewaltigung, sogar innerhalb einer Familie, wiederholt sich öfters unter der Schwabischen Themen. Auch die Mariedl in „Antiklimax“ wird vom eigenen Vater missbraucht, an ihr rächt sich die ganze Familie für ihre Mängel, oder sich von eigenen Hemmungen abreagiert. Der einzige Ausweg, scheint ihr Selbstmord zu sein. Sie sehnt sich nach dem Tod, der ihr ewige Ruhe bringen könnte.

Eine Lösung in dem Ableben erkennt auch der Prototyp des Übermenschen, der sich vor anderen, durchschnittlichen und einfachen Menschen ekelt. Es handelt sich um eine Figur, die in sich die Zerstörungskraft eines hasserfüllten Menschen und ein Bewusstsein eines anscheinend „Auserwählten“ vereint. In „Volksvernichtung“, wie Schwab dieses Stück treffend benannt hat, behandelt Schwab wieder die nationalistisch gefärbten Erscheinungen, die sich mehr oder weniger in latenter Form in den österreichischen Bürgern verbergen. Augenscheinlich erspart Werner Schwab seine Landsleute keiner Vorwürfe und es lag ihm offensichtlich sehr viel daran, über dieses Problem der Ausländerfeindlichkeit, des Überbleibesel des Antisemitismus usw. zu berichten und sie an die Öffentlichkeit zu bringen. In „Volksvernichtung“ sorgt die Frau Grollfeuer (ihrer Meinung nach) für die „Befreiung“ durch den Tod, der von ihr lebenslang gehassten Wohngemeinschaft. Die langjährigen Nachbarn werden von ihr während einer fingierten Geburtstagsparty feierlich vergiftet. Die Frau Grollfeuer ist ein Gegenpol der unterdrückten Frauenfiguren, eine Verkörperung des „Übermenschen“, der alle seine Nachbarn als minderwertig betrachtet. Herr Kovacic verliert seinen Wert in ihren Augen als einer der Nichteinheimischen, der Hermann als ein Krüppel und Träumer und Hermanns Mutter, Frau Wurm, als eine bigotte Katholikin. Die oben genannten Dramengestallten stellen für die Frau Grollfeuer das Abscheulichste und am meisten Mitleiderregende überhaupt. Im Tod und in der Vernichtung sieht auch die Figur Grollfeuer einen Ausweg, sie lässt die Polemik des verborgenen Feedbacks von NS-Regime beleben: „Das wirkliche Umbringen ist eine reine Verstandssache … Seinerzeit …Koketterie mit dem Nationalsozialismus …verständlich als Abgehobenheit, als Form einer radikalen Weltlichkeit…ein grauenhafter Irrtum, aber ein folgerichtiger Irrtum…“.25 Im vierten Akt bekommt dieses grausame Ende eine entlastende Dimension, in dem sich alle Wohngemeinschaftsbewohner im feierlichen Zimmer der Frau Grollfeuer wieder finden.


In der Figur des Hermanns in („Übergewicht“) könnte man Parallelen zum eigenen Porträt Werner Schwabs ziehen. Hermann Wurm versucht sich in der verständnislosen Umgebung künstlerisch auszudrücken. In einem Dialog mit Frau Wurm äußert er: “Und nie mehr werde ich in meinem geheimen Schlaf mit einer Weihwasserjauche aus Fatima angespritzt… und nie mehr werde ich hören müssen, daß ich die Geschlechtsstrafe für dich bin, wegen der Verführungskünste von meinem Vater, und nie mehr werde ich in der Nacht kein Bild mehr malen dürfen, weil es Schade ist um den elektrischen Strom…26 In diesem Abschnitt findet man mehrere Andeutungen, die in die persönliche Sphäre des Autors hineinreichen. Ingeborg Orthofer, Schwabs Gefährtin und spätere Ehefrau, erleuchtet manche Zusammenhänge, in dem Sie vermutet, er habe „sich einen Vater erfunden, der in seine Stücke passt“… um dem Russlandfeldzug zu entkommen, „habe sich sein Vater Hitlers „Lebensborn“ zur Verfügung gestellt, als menschlicher Besamungsstier zur Erzeugung von arischem Nachwuchs. Weiter charakterisiert sie Werner Schwab,… Wenn etwas schrecklich für ihn war, hat er es noch schrecklicher gemacht. Bis es erträglich wurde.“ Auch Schwab alias Hermann Wurm und die Frau Wurm finden in „Volksvernichtung“ biographische Züge wieder. Frau Schwab zwang ihren Sohn aus Sparsamkeit das Licht auszumachen, obwohl er künstlerisch am meisten nachts tätig war. Sie bespritzte ihn tatsächlich mit dem Weihwasser, weil sie eine ergebene Katholikin war und sie litt lebenslang darunter, dass sie schwanger wurde und sich als allein erziehende Mutter und mittellos durchplagen musste.27

Diesbezüglich könnte man sich einen Blick verschaffen, wovon sich der Autor in seiner Frauenfiguren inspirieren ließ, bzw. wo sich auch die Rezeptionsansatzpunkte befinden könnten. Der Autor präsentiert seine Frauenfiguren entweder als Schwächlinge, die vollkommen an der Präsenz ihres Mannes hängen, oder als mächtige, verbitterte Frauengestallten. Man findet, wie schon der Beispiel der Frau Kovacic („Volksvernichtung“) oder der Mutter von Mariedl („Antiklimax“) hervorbrachte, dass sich nicht nur die Charaktere von Frauenfiguren finden, wo sie nur von dem männlichen Element unterdrückt wären. Die Gestalt der Frau Grollfeuer stellt ein Frauentypus dar, worunter der Mann in einer erniedrigenden Rolle steht, die man als sog. Femme fatale bezeichnen könnte. Solcher Frauentypus übt über die gesamte Umgebung erhebliche Kraft aus (als ein anderes Beispiel könnte man die Frau des Hausbesitzers in „Pornogeographie“ nennen).


Vielleicht auch das gehört zu Schwabs Mitteilung, dass es keine Übereinstimmung, kein Gleichgewicht im Verhalten dieser beiden Gegenpole gibt. In seinem Theaterstück „Offene Gruben“, der sich nur auf der Basis eines Dialoges zwischen ER und SIE abspielt, kommt diese Ambivalenz hervorragend zum Ausdruck.

Günther A. Höfler kommentiert das geschlechtliche Verhalten folgend: “Die Männer sind hinter den Frauen her, und die Frauen sind hinter den Männern her. Es ist ganz offensichtlich ein Hinterher, kein Gegenüber.28 Frauen und Männer finden keinen mittleren Weg, sie werden zu keinen Partner, auch in der familiären Beziehung; man findet eine Anzahl an krankhaften hierarchischen Beispielen, wo einer immer die untergeordnete Rolle übernimmt oder falls sie gleichgestellt dargestellt werden, misslingt die gegenseitige Verständigung. Die Gestalten werden zwar in einem gleichen familiären Umfeld geschildert, kommunizieren aber nicht miteinander, was sich an der Form der parallel verlaufenden Dialoge, bzw. Monologe, erkennen lässt.



Schwabs Figuren träumen von einem einfachen, normalen Familienleben, sie sind aber nicht in der Lage, es zu verwirklichen. Ihre Versuche scheitern an der Verwendung genauso pervertierten Mittel zum Zweck, wie der Autor am Beispiel des Pornoschauspielers präsentiert. Er wünscht sich eine Familie, ein Haus, Kinder und Haustiere, um dieses erreichen zu können, verkauft er seinen Körper in dem Business der Pornomaschinerie. In „Offene Gruben“ sinnt sich der Impresario nach dem Häuslichen nach: „Im Haus duftet eine liebevolle Luft und es ist nicht schlecht, daß überall Blumen auferstehen wie eine Mahnung an das Gute.“29 Eine Vorstellung der ideellen häuslichen Stimmung ist so unwahrscheinlich in der verdorbenen Welt von Schwabs Figuren, dass sie sich mit solchen Metaphern wie „die Mahnung an das Gute“ bedienen müssen.
Unter einem interessanten Blickwinkel erscheint die menschliche Sexualität, die sich durch alle soziale Schichten zieht und vielen Personen als ein Gegenstand dient, womit man auf der gesellschaftlichen Skala weiter kommen könnte. „Ein Zerbild der pathologischen Gesellschaft, deren Ontologie sich auf bestialisch - ausschweifende Sexualität gründet.“ 30 Man kann in Schwabs Texten zahlreiche Opportunisten beobachten, die sich die Sexualität entweder als ein Produkt aneignen, das sich gut vermarkten lässt, oder als ein Gegenstand der eigenen ausschweifenden Deviation einbeziehen.
So kreiert Schwab ein unüberschaubares Netz von Individuen, die sich opportunistisch, egoistisch und unmoralisch verhalten, womit sie immer wieder gegen die tief in unserer Gesellschaft eingebürgerte christliche Moral und europäische philosophische Werte stoßen. Die grausame, übertriebene theatralische Realität, die der Autor verschafft, ermöglicht ihm zahlreiche Themen, die man normalerweise kaum anzusprechen wagen würde, wie z.B. von Schwab gehasste Institution der katholischen Kirche, zu verspotten, lächerlich zu machen oder entblößt ans Licht zu bringen.
Man kann diesbezüglich die menschliche Sexualität im Werk von W. Schwab unter anderem als ein Mittel, der zum Ausdruckszweck dient, betrachten. Julian Preece beschreibt die sexuellen Aspekte in Schwabs dramatischen Ansichten folgend: „Penetrative sex is generally anally centred and is never reproductive in Schwab´s world.“31, weiter führt er einen Beispiel der Bedeutung von Masturbation an dem Bruder von Mariedl in „Antiklimax“, in dem er ihn als eine Art „social and sexual autism“ bezeichnet. Schwabs Paraphrase der familiären Einheit basiert, laut J. Preece, auf der Gewalt und Frustration.32 Seine perversen Figuren sind besessen von perversen Phantasien, nicht immer aber steht hinter einer sexuell gefärbten Ausdrucksweise eine sexuelle Tat. Hinter dem sexuellen Verhalten des oben erwähnten Bruders von Mariedl befindet sich mit Sicherheit eine Art Deprivation, die durch dieses entfremdende Familienverhältnis wahrscheinlich gesteuert werden könnte. Man finden zahlreiche pathologische Diagnosen, die sich bei jedem Individuum identifizieren ließen.

In diesem Zusammenhang spielen in Schwabschen Sprache eine wesentliche Rolle sexuell gefärbte Ausdrücke, die sich aber auf ein breites Feld der übertragenen Bedeutung beziehen, wozu ich ausführlicher im anderen Kapitel komme. Auf keinen Fall handelt es sich um keinen Versuch, die Zuschauer zu schockieren.


W. Schwab war sich schon am Anfang seiner Laufbahn dessen bewusst, dass man auf dem Theater nicht mehr schockieren kann. Seine sexuellen Parallelen dienen eher dazu, die Abtrünnigkeit der modernen Gesellschaft zu schildern. Er bearbeitet diese Stellungnahme in einem seiner Dramen „Pornogeographie“, die von der These einer total durchsexualisierten Gesellschaft ausgeht. „Die pornogeographisch – kommerzielle und kleinbürgerlich - wohlanständige Sphäre fließen ineinander über, sind ununterscheidbar geworden. Das Porno-Atelier, das „Körperverwertungsstudio“ koexistiert problemlos mit dem bürgerlichen Blumenladen.“ 33 In der „Pornogeographie“ wird die Pornoschauspielerin damit einverstanden, dass sie für ihr Entgelt den sexuellen Verkehr mit dem Hausbesitzer hat und ebenso abscheulich erscheint auch die Stellungnahme der Ehefrau des Hausbesitzers, die dazu willigt.
In „Der Reizende Reigen nach dem Reigen des reizenden Herrn Arthur Schnitzler“ wird eine Reihe von hemmungslosen Individuen geschildert, die die menschlichen sexuellen Triebe zu nutzen wissen, wie z.B. der Dichter und zugleich ein neuer Hausbesitzer, der für seine sexuelle Befriedigung billigere Miete anbietet. Das Schauspiel wird wie eine Kette von Lebensschicksälen aufgebaut, die miteinander durch die sexuellen Ansprüche und Erwartungen verknüpft sind. Auch die Liebe, bzw. ein Wunsch nach dem Glück in einer Beziehung wird in Schwabs Stücken devalviert. „Die Liebe liegt in der regelmäßigen Dauerhaftigkeit. An alles wirst du dich gewöhnen, auch der Tod wird uns verbinden.“34 Wie schon erwähnt wurde, steigert dagegen der Tod seinen Wert auf der Wertskala der Schwabschen Frauenfiguren, zu deren Lösung oder Erlösung er auch oft wird.
In „Präsidentinnen“ hat W. Schwab drei sehr unterschiedliche Frauencharaktere aufgebaut. Die drei Präsidentinnen, drei Rentnerinnen, befinden sich in einer fortgeschrittenen Periode ihrer Lebensschicksäle und überlegen, was anders sein könnte. Sie ziehen die Fäden ihrer Phantasien, die durch die Realität abgebrochen werden. Wie die Erna am Ende des Stückes sagt: „jeder Mensch in diesem Land hat seine Leich im Keller35, was die Erna zynischerweise wortwörtlich meint, indem sie überlegt, wo sie die ermordete Mariedl begraben. Im übertragenen Sinne des Satzes steht es für die verschwiegenen Sachen, die unerfüllten Wünsche oder enttäuschten Hoffnungen, die diejenigen Personen im Inneren tragen. Die Grete, die beängstigt vor ihrem alkoholsüchtigen Sohn Hermann terrorisiert wird und ihre Lebenskrise durch die Zuneigung zur katholischen Kirche zu lösen versucht. Die Erna, die als eine „Lustige“ bezeichnet wird und derer „Wohnungstür auch nicht immer ordentlich geschlossen“ war, „wenn sie dich verschließen hätte sollen36; die keine feste Liebe gefunden hatte und sich an ihren Hund mit ihren Gefühlen fest klammert. Schließlich die Mariedl, die naive Heldin dieses Stückes, die an ihrem Bestreben nach Anerkennung scheitert. Sie wird von ihren langjährigen Freundinnen umgebracht, weil sie nicht mehr ertragen können, dass jemand moralisch über ihnen stehen kann. Sie ertragen solchen Blick an die Realität nicht und abschaffen die Quelle dieser inneren Unruhen.

Die Mariedl sehnt sich nach der menschlichen Wärme und Freundschaft, wird aber daran teilweise durch die, über Generationen eingeprägten, Gewohnheiten und Regeln gehindert. Sie Scheitert „in ihrem Handeln allesamt paralysiert von erlernter Sexualangst und verordneter Bigotterie. In ihrem Phantasieren allesamt befeuert von dem Wunsch, ein wenig angenommen, anerkannt, geliebt zu werden.“ 37

Die drei Frauenfiguren werden mit einem krassen Machtpotenzial geschildert, das sie später auch am Beispiel der Mariedl zum Ausdruck bringen. Durch diese Erscheinung stehtt das weibliche Element in einen Zusammenhang mit der faschistoiden Machtausübung. Es handelt sich wieder um einen Beweis der Schwabischen Schreib- und Gedankenweise, der das faschistische Gedankengut tief in der Gesellschaft verankert sah.

Werner Schwab war ein hervorragender Beobachter, diese Fähigkeit entwickelte er bei der bildenden Kunst und übertrug sie an die literarische Tätigkeit. Er bemerkte und notierte winzige Einzelheiten und Nuancen des menschlichen Verhaltens innerhalb der Sozialschichten, der staatlichen Maschinerie und des bürokratischen Apparats. Seine Figuren werden mit nicht besonders schmeichelhaften Charaktereigenschaften versehnt, sie präsentieren sich schamlos in eigener Primitivität. Das System, in dem seine Figuren erscheinen, wird überwiegend von männlichem Element verwaltet.

W. Schwab erspart sich auch keine Anspielungen an die männliche Dominanz in der Kirche und in der Politik. Diese Rollen werden in einen erniedrigenden Zusammenhang gebracht, in dem die Stellung solcher Person ausgelacht wird. Man verbindet die Namen von Politikern oder den Namen des ehemaligen Papstes unerwartet mit handwerklichen Berufen oder in einer falschen oder mindestens unerwarteten Verbindung. In seinem Drama „Mein Hundemund“ greift W. Schwab die Persönlichkeit des ehemaligen österreichischen Präsidenten Kurt Waldheim an, der 1986 gewählt wurde und um seine SA – Vergangenheit zahlreiche Verschleierungstendenzen kreisten. W. Schwab bearbeitete dieses Thema schon in einem nicht erschienenen Hörspiel „Der Präsident und die Böschung“ und vieles davon wurde in dem Schauspiel „Mein Hundemund“ wortwörtlich übernommen.38Der Herr Gott ist ein schlechtatmiger Präsident…Gott hätte in seiner Hitlerjugendzeit schon seine Plattfüße zu fressen gekriegt…39 Der Autor verspottet gleichzeitig beide mächtigen Einflüsse im Rahmen des Staates und zwar die Kirche und die politische Repräsentation. Auch in „Hochschwab“ kommt der nationalsozialistische sprachliche Duktus zur Stande. Der Komponist verwendet symbolische Sprache, die das Göttliche mit dem nationalsozialistischen Wortschatz verbindet. „Alles ekelhaft Lebendige wird dem Hochschwab anheimverbrannt, ausgerüstet mit einer Flasche Enzian und einem Speckbrot zum Absterben. Alles, fast alles muß hinauf, hinauf ins hochschwabsche Konzentrationslager zum Fortwesen in das Unbelästigte.

DER IMPRESARIO widerspricht ihm dass, „….das Nationalsozialistische bei sich bist du…Dein Komponist in dir gibt dir das Recht nicht zum Totalbeherrscher…“40 Damit weist Schwab an die latente Anwesenheit der rechtsextremistischen Inhalte in der Gesellschaft auf.

Seine Texte sind bissig, sarkastisch und ironisch, aber mit einer Prise Wahrheit, die jeder Leser selber begreifen und entschleiern muss. In solchen hermeneutischen Grenzen befindet sich der Leser Schwabs Texte, die zeitkritischen Ansatzpunkte nicht direkt hervorbringen, sondern nur andeuten.
Auch die mütterliche Liebe nimmt eine verkrüppelte Gestallt im Werk von W. Schwab ein. Sie besteht unter anderem oft aus Vorwürfen und aggressiven Anfällen, die auf den Nachwuchs eine Wirkung von Gewissensbissen, Selbstbezichtigung, Selbstzerstörung ausübt. Ein sehr starkes Beispiel für solche mütterliche Liebe stellt Mariedls Mutter in „Antiklimax“ dar. Sie nimmt der Mariedl sogar ihre Existenz übel: „Wie eine Fleischvergiftung hast du dich in die Blutbahnen deiner Familie eingeschlichen.41 Auch diese Mutter ist mit der Gewalt, die der Vater an eigener Tochter ausübt einverstanden. Sie wird als „das duftende Werk eines geilen einheimischen Familienverbrechers42 genannt.

In „Offene Gruben“ sinnt sich „ER“ über die Nachkommenschaft nach. „Vielleicht wäre es wirklich lebensgünstiger, wenn man Kinder hätte oder ein Haustier womöglich. Nachkommenschaften und Haustiere verifizieren einen Tagesablauf.43 Kinder dienen zur Ablenkung von dem Alltag, sie haben einen ähnlichen Stellenwert wie die Haustiere, man kann sie einfach loswerden, wenn diese Variante der Abwechselung des monotonen Lebens nicht gelingt. „Und wenn man verreiste, würde man die einen dem Staat vermachen und die anderen genüsslich umbringen oder wenigstens aussetzen.“44 Persönlich verantwortlich zu sein, gehört nicht zu vorteilhaften Charakterzügen Schwabs Gestalten. Seine Figuren sind nicht imstande als selbstständige Entscheidungen zu treffen. Sie gehen mit ihren unerfüllten Wünschen oder pervertierten Empfindungen gehen hilflos um.

In „Offene Gruben kommt die Verzweiflung von dem Leben auf der Erde und die nicht Erfüllung der mütterlichen Erwartungen zum Wort, „…diese Mutterlosigkeit, diese Überhobenheit spioniert in der Mutterschaft, bis eine jede ganze Mutterschaft verloren ist. Die Wärme verbrennt an sich und der Tod fährt Fahrrad auf den ungesetzlichen Gebirgsspitzen… Oben muß er sein, der Tod….unten ist das warme fade Haus.“45 Der Tod verspricht eine Abwechslung und gewinnt die Umrisse eines ruhigen Standortes. Dabei übernimmt der Gott keine aufmunternde Rolle. Der Gott lässt eigene Erzeugnisse fallen und sie entgelten ihm ihre miese Lage mit völlig hasserfüllten Aufschreien oder Zynismen. „Aber dann hat Gott hinfallen müssen …und zwar auf den Rücken wie eine ausgewurzelte Suppenschildkröte, und dann hat er einen Komponisten in einen genialen Komponisten verurteilt, und eine Pianistin zu einer genialen Pianistin. Und diese Fluchverurteilen müssen die Welt verquälen und die gesunden Menschen, weil das Genie ein göttlicher Misserfolg sein muß, eine unglückliche Erregung der menschlichen Natur, eine Erschöpfungsverleugnung der menschlichen Erfindung.“46 Der Gott hat laut Schwabs Figuren miserable seine Arbeit geschaffen und dazu noch manchen Leuten eine Begabung verschaffen, die ihnen das Leben unter der primitiven Menschen nur erschwert. Sie gliedern sich nie unter die sog. Normalen Menschen ein. Sie sind von einer weit reichenden Einsicht versehen, die ihnen ihre auswegslose Lebenslage entkleidet zur Vorschau bringt.
Häufig wenden sich die von ihren eintönigen Leben enttäuschte Menschen an die höhere Macht, die für die unvollkommen geschaffene Welt angeklagt wird. Schon wieder lässt der Autor die Mutterfiguren mit verkehrten Wertvorstellungen über die Moral und Gott sprechen. Z.B. die Mutter von Mariedl hält die göttliche Gestallt für launisch, weil er (der Gott) den Vater unvollkommen gebaut hat und begründet es damit, dass der „Gott gerade in einer schlechten Jauchenlaune geschwommen ist, wie es Vaters Gebrauchsanweisung einstudiert hat.“47

In „Volksvernichtung“ wird der „Allmächtige“ ebenso mit negativen herrischen, opportunistischen und boshaften Charakterzügen versehen. Die Frau Grollfeuer meint: „Gott ist selbstverständlich ein Haustier, Frau Wurm, und Sie sind das dazugehörige Hundefutter im Sonderangebot.“ 48 Hier wird der Gott als keine schützende Kraft dargestellt. Im Gegenteil, er ernährt sich von den fehlschlagenden Existenzen.



Die Kritik an Gott, als die, das irdische Leiden verursachende Kraft, erscheint auch in „Pornogeographie“. Die Gattin des Hausbesitzers klagt über ihre Ehe und vergleicht sie mit einem kitschigen Frauenroman: „Wahrscheinlich hat alle Gebirgsarztromane der Herrgott selber geschrieben, der gemeine Hund. Hoffentlich hat er wenigstens eine ewige Himmelswohnung eingebaut hinter der letzten Seite.“49 Hier spürt man deutlich, die Unzufriedenheit des Durchschnittsmenschen mit dem alltäglichen, stereotypen Leben und eine Angst davor, womit sich jeder Einzelner beschäftigt, was nach dem Leben kommt.
In diesem Sinne entfaltet sich der Autor Schwab als Nihilist, der auf die Unfähigkeit, Existenzunsicherheit oder Ohnmacht des Individuums aufmerksam macht. Julian Preece geht mit der Kategorisierung noch weiter, in dem Schwabs nihilistische Schlussfolgerungen als “neo-right nihilism” bezeichnet; der Autor beobachtet seine Figuren in ihrem Sozialmilieu und durch diese sozialen Faktore zerstört er ihre Schicksäle. “Yet it is false to assume that he celebrates this factor that it amounts to neo-right nihilism, simply because he fails to explore the social factors which have wrecked the lives of those portrays.50 Sie leben ergeben, in einer Welt, die sich nicht verändern lässt.
Man begegnet in jeder Szene absolut irrationellen Verbindungen und gerät in eine verfremdete Gefühlswelt. Diese deprimierende fatale Realitätsvorstellung von dem Familien- und Gesellschaftsleben führt zu genauso behinderten Schlussfolgerungen. Die schwachen Figuren stellen sich unter dem Mord oder Selbstmord einen einzigen Ausweg von ihrer faden Existenz vor. Die Mariedl, in ihrer unbefriedigten Gefühlswelt, sieht eine direkte Verbindung der Liebe mit dem Tod: “Das ist das wirkliche Vorspiel für die weich gekochte Liebe, das Sterben nämlich.“51 Die Mutter, bzw. die Familie, als die schützende Einheit, bewahrt und bemüht sich auch nicht darum, die jugendliche Mariedl vor dem Missbrauchen zu bewahren. Diejenigen, die ihr Verbrechen an der dem Schicksal ergebenen Tochter begehen, werden durch die Vertreter der Staatsorgane (Polizist) oder allgemein anerkannten Berufe (Arzt, Pfarrer) charakterisiert.
Die immer wieder anwesende suizidale Vitalität könnte auch als eine Art Verstoß gegen das Gesellschaftssystem angesehen werden. In der Essaysammlung zu Werner Schwabs Werk stellt Richard Stradner ein Zusammenhang der Schwabschen Figurengestaltung mit der Idee der Punkströmung her. „Sich selbst zu zerstören heißt im Selbstverständnis des Punks – das System zu stören.“52 Bei Schwab kann damit die kleinste Systemeinheit, also die Familie, oder ein ganzes übergeordnetes System, wie z.B. die Kirche oder Partei, gemeint werden. Es ist aus den Interviews mit Schwab bekannt, dass er sich sehr für die Punkmusik interessierte und seine ungebundenen Lebensgewohnheiten zeugen nur von dieser Neigung. Seine Bereitschaft, sich dem System anzupassen war gering. Dieser Lebensweise entspricht auch die zehnjährige Periode seines Bauernlebens auf dem Lande, wann er gemeinsam mit seiner Ehefrau Ingeborg Orthofer versuchte, sich mit allen Lebensmitteln aus eigenen Quellen zu versorgen.

Eine besondere Frauenfigur kreierte Schwab in einer freien Bearbeitung des Faustschen Stoffes, die Margarethe. Sie ist im Vergleich zum ursprünglichen Faustmaterial selbstbewusst, erfahren und überhaupt nicht naiv, im Gegensatz zu ihrer Vorläuferin aus dem klassischen Stoff. Sie verspottet Faust mit seinen lüsternen Ideen und findet sich eher auf eine sonderbare Art und Weise von dem Mephisto angezogen.

Auf dieser Stelle findet man vielleicht den Grund der Herangehensweise Schwabs, was die Frauenfiguren betrifft. Sie besitzen eine besondere innere Kraft, sie wenden sie aber unterschiedlich an. Seine Frauenfiguren befinden sich in einem gleichzeitig gespalteten Zustand, sie lassen sich von verschiedenen positiven oder negativen Energien beeinflussen. Man erkennt hier auch im Vergleich zum Goetheschen Werk und seiner Gretchen, kein einziges Zeichen nach dem Kinderwunsch. Genauso wie dieses Phänomen auch in anderen Stücken festzustellen war, man begegnet nur jugendlichen oder fast erwachsenen, die schon auf irgendeine Weise begreifen, wie sie von ihrer nächsten Umgebung beeinträchtigt werden. Vielleicht dank Schwabs unglücklicher Kindheit, projiziert er seine skeptische Einsicht auch in dieses soziale Verhalten, besser gesagt asoziales Verhalten, seiner Figuren. Aus einer anderen Hinsicht gesehen, entspricht dieses Phänomen der Kinderlosigkeit der modernen demographischen Entwicklung.
Werner Schwab schmückt schon so pessimistische Aussicht in die Zukunft mit noch härteren und erbarmungslosen Beispielen aus. Der Autor stellt die Gesellschaft als eine unfruchtbare, sogar impotente dar. In „Übergewicht“ macht der selbst impotente Schweindi Andeutungen an die sexuelle Unverantwortlichkeit und Unfähigkeit des schönen Paars, das „gar nicht in der Fähigkeit“ ist, „eigene Kinder aus seinem Leben in die Welt hinauszuerzeugen“ und greift er sie für ihre „Familienfeindlichkeit“ an, wobei er sie als „Verhütungsmittelmenschen“ bezeichnet. 53

In demselben Schauspiel werden die Intellektuellen von dem Grobian Karli als Beispiele für die körperliche Ohnmacht hervorgehoben. „Die Menschen lesen zu viele Bücher und können ihren Körper nicht mehr, weil sie ihre Körperlichkeit in den Kopf hinaufgelesen haben und der Kopf den Körper aus dem Menschen hinausgedacht hat.“54 Die Problematik der Überstudierten, von der Realität abgesonderten Menschen, die in relativ irrationalen Sachen ihr Heil suchen und sich verschiedenen Wahnideen oder mystischen Theorien ergeben, erweitert Schwab in „Faust“, der sich als seine Wahnvorstellung Mephisto schafft. Werner Schwab betrachtete in diesem Sinne diese Fabel als eine immer geltende Erscheinung, dass „jemand bis zu einem gewissen Grad überstudiert ist, insofern kann man das sehr unverändert lassen55 Schwabs Intellektuellen befinden sich in melancholischen, depressiven oder aggressiven Zuständen, sie ergeben sich verschiedenen Phantasien, Rauschmitteln oder ideologischen-, metaphysischen Strömungen. Diese Einzelgegner sind nicht imstande sich in die „normale“ Gesellschaft einzugliedern und bedienen sich zahlreicher Mittel zur Ablenkung und Täuschung von der abschreckenden Realität.


Das sexuelle Verhalten der Menschen dient dem Autor als Ausdruck persönlicher Frustrationen und Hemmungen. Dazu benutzt er unzählige abscheuliche Übertreibungsmittel, wovor es dem Zuschauer graust. Durch das Geschehen an der Bühne entstehen Verfremdungseffekte. Sie werden sowohl durch die sprachlichen Mittel, als auch durch die Requisiten und szenische Bilder erzielt (wie z.B. die ersetzbaren Geschlechtsteile in „Eskalation“ oder das ständige Onanieren des Bruders von Mariedl in „Antiklimax“, das sich über die ganze Länge des Stückes zieht). Der Autor überschüttet die Zuschauer durch die, auf die Spitze getriebene, Wirklichkeit, die fast tragikomische Merkmale aufweist. Die Realität von Werner Schwab bekommt grauenhafte Züge.

Aus dieser Sicht erklärte er auch in einem Gespräch seine Stellung zum Faustschen Stoff: „Es geht einfach darum, daß man das Ding auf die Beine stellt: vom Himmel herab und von der Hölle herauf auf die Erde. Denn das glaubt einem doch sonst kein Mensch…Ich hab`s einfach neu g`schrieben, net ironisch oder auch net sarkastisch oder sonst irgendwie so. Mir geht`s dabei nicht darum, das zu verarschen, sondern es einfach einmal auf die Höhe von einem jetzigen Bewusstsein zu heben.“56

Werner Schwab führt also seine Gestalten in eine total frustrierte Realität und eine verwirrte Gefühlssituation auf. Seine Frauenfiguren wirken abgehärtet und emotionslos, diejenigen, die ein bisschen gesünderes Sentiment aufbewahrt haben, sind in solcher Gesellschaft zum Scheitern verurteilt.
Es entsteht bei der Lektüre ein Gefühl, dass die nicht nur weiblichen Gestalten ein Bedürfnis nach eigener Selbstbestrafung und Erniedrigung haben. Davon zeugen beide Mariedl Gestalten („Antiklimax“ und „Präsidentinnen“). Die Präsidentin Mariedl, die mit dieser Benennung in einer tragikomischen Verbindung erscheint, tut eine Art Buße, in dem sie für die Menschheit ihre Exkremente abschafft. Sie taucht ohne Handschuhe ihre Hände in die Klomuschel, dadurch steigt sie den Wert ihrer Abbüßung.

Der Unterschied zwischen dem persönlichen Eindruck von Mariedl und der Reaktion der Umgebung gerät in einen extremen Widerspruch. Sie wird sich dessen bewusst, dass sie sich das ganze Leben lang in einer Wahnidee oder in einer Einbildung befand.

Diese Zwiespalt gehört auch zum sarkastischen Humor von Werner Schwab, der unbarmherzig seine Figuren in solche Situationen, Überzeugungen oder Ideologien hineinmanövriert. Daraus könnte man die kritischen Ansatzpunkte Schwabs Werk ablesen, die zwar nicht kontinuierlich durchgezogen werden, was ein Verfremdungseffekt verursacht, die aber genug tiefgehend wirken, dass man Vieles zum Nachdenken herab lesen kann.


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