Lesen, Denken, Lieben. Typisches aus dem philosophischen Laboratorium des Mittelalters




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Katholisch-Theologische Fakultät

Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Lesen, Denken, Lieben. Typisches aus dem philosophischen Laboratorium des Mittelalters

Vorlesung WS 2005/2006

(Propädeutik-Zyklus II, Teil 3)

Prof. Dr.Dr. habil. Klaus Müller

Bibliographie

Evans, Gillian R.:

Philosophie und Theologie II. Mittelalter. Hg. Adolf M. Ritter. Aus d. Engl. Mara Huber. Stuttgart; Berlin; Köln 1994. (Theologische Wissenschaft; 14,5).
Flasch, Kurt:

Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin zu Macchiavelli. Stuttgart 1988.


Flasch, Kurt - Jeck, Udo R. (Hg.):

Das Licht der Vernunft. Die Anfänge der Aufklärung im Mittelalter. München 1997.


Libera, Alain de:

Denken im Mittelalter. München 2003.


Röd, Wolfgang:

Der Weg der Philosophie. Von den Anfängen bis ins 20. Jahrhundert. Bd. I: Altertum, Mittelalter, Renaissance. München 1994.


Schulthess, Peter - Imbach, Ruedi:

Die Philosophie im lateinischen Mittelalter. Ein Handbuch mit einem bio-bibliographischen Repertorium. Zürich; Düsseldorf 1996.


Sturlese, Loris:

Die deutsche Philosophie im Mittelalter. Von Bonifatius bis zu Albert dem Großen (748-1280). München 1993.


Vries, Josef de:

Grundbegriffe der Scholastik. 3., gegenüber der 2. unv. Aufl. Darmstadt 1993.



Gliederung

0. Überleitung

1. Daten-Pools im Hintergrund
1.1 Artes liberales

1.2 Was dem Mittelalter als „Philosophie“ gilt

1.3 Christliche Prägekräfte mittelalterlichen Philosophierens

1.4 Arabisch-islamische und jüdische Vorgaben

2. Vernunft und Glaube - frühe Systembildungen und Konflikte
2.1 Aufbrüche

2.2 Der erste Systematiker

2.3 Dialektik oder nicht?

2.4 „Fides quaerens intellectum“

2.5 Nicht nur „Sic et non“

3. Einfach vergessen: Deutsche Philosophie im Mittelalter


3.1 Unvermutete Anlässe und ungewöhnliche Fragen

3.2 Der monastische Vorbehalt gegen die Philosophie

3.3 Der Weg der Dialektik in die deutsche Philosophie

4. Die großen Vermittlungen


4.1 Universales Wissen, kühle Vernunft, hohe Theologie

4.2 Der große Bogen - und eine brisante Mission

5. Intellektuelle Ressentiments
5.1 Vom Licht, von der Finsternis oder: Begnadete Polemik

5.2 Das Lehramt greift ein

5.3 Unhintergehbare Rationalität

6. „Frauenmystik“ oder mittealterliche Philosophinnen?

7. Die „mystische“ Alternative oder:

Subjektphilosophie diesseits der Neuzeit

8. Scholastik jenseits des Mittelalters
0. Überleitung

- Vorurteile gg. Begriff „Scholastik“

- diskursives Vorgehen am Leitfaden logischer Techniken, Satzanalysen und Distinktionen mit Bezug auf wohlbestimmtes Begriffssystem gibt es aber auch jenseits des „Mittelalters“. Bsp.: Barockscholastik Francisco Suarez’ (1548-1617) und Neuscholastik  Scholastik nicht gleich mittelalt. Phil./Theol.

 Abgrenzungsvarianten „Mittelalter“:

- 529 (Schließung der Platonischen Akademie, Gründung von Monte Cassino) bis 1459 (Renaissance: Eröffnung der Platonischen Akademie in Florenz)

- Beginn: 730-804 (Lebensspanne Alkuins); Ende: schwierig, da neuzeitliche Strukturen schon in sog. „mittelalterlichen“ Konzeptionen: Albert der Große (1200 [1193?] - 1280), Thomas von Aquin (1224/25-1274), Nikolaus von Kues (1401-1464).

- mittelalt. Theol./Phil. = Scholastik. Dagegen: Deutsche Mystik, Briefliteratur, Dokumente monastischen Geisteslebens. Bsp.: Anselm v. Canterbury (1034-1109).

- Glaube = Wissen Phil. = christl. Denken. Dagegen: islamische und jüdische Phil.

- Gottesfrage = Thema mittelalterl. Phil. Dagegen: Ethik, Sprachphilosophie, Logik

 Verlierergeschichte als Aufgabe, gg. Verzeichnungen des Mittelalters. Bsp. für Verzeichnungen:

- Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831):

[1] „[Die Scholastiker]... untersuchten so hohe Gegenstände, Religion; das Denken wurde so spitzfindig ausgebildet; es gab edle, tiefsinnige Individuen, Gelehrte. Und doch ist dies Ganze eine barbarische Philosophie des Verstandes, ohne realen Stoff, Inhalt; es erregt uns kein wahrhaftes Interesse, und wir können nicht dahin zurückkehren. Es ist Form, leerer Verstand, der sich in grundlosen Verbindungen von Kategorien, Verstandesbestimmungen herumtreibt...

Es hilft nichts, das Mittelalter eine barbarische Zeit zu nennen. Es ist eine eigentümliche Barbarei, nicht der unbefangenen, rohen, sondern die höchste Idee und die höchste Bildung zur Barbarei geworden; was eben die gräßlichste Gestalt der Barbarei und Verkehrung ist, die absolute Idee, und zwar durchs Denken, zu verkehren.“1
- Franz Ehrle:

[2] „Die Scholastik ist das einzig wahre, einzig sichere philosophische System; dasselbe findet sich am reinsten und lautesten in den Schriften des hl. Thomas von Aquin niedergelegt.“2


- Friedhelm Moser:

[3] „Wissen aus Büchern ist Wissen aus zweiter Hand, und Wissen aus zweiter Hand ist kein Wissen... In der mittelalterlichen Philosophie, der ‘Scholastik’, wurde die Büchergläubigkeit auf die Spitze getrieben. Man meinte, ganz auf eigene Erfahrung verzichten zu können. Wenn man ein Problem hatte, schlug man in der Bibel, bei den Kirchenvätern und bei Aristoteles nach, um alle Argumente zu sammeln. Diese teilte man dann auf in Argumente dafür (lateinisch: sic) und Argumente dagegen (lateinisch: non). Und wenn man die Stimmen der Autoritäten abgewogen hatte, entschied man sich für eine der beiden Seiten.


Diese Methode des ‘sic et non’ setzte eine außerordentliche Gelehrsamkeit voraus, aber aus Mangel an eigener Erfahrung und aus Angst vor selbständigem Denken verzapften die Scholastiker in ihren Büchern häufig haarsträubenden Unsinn.
Nun soll man nicht glauben, die Scholastiker seien mit dem Mittelalter ausgestorben. Scholastik ist keine historische Epoche, sondern ein Geisteszustand. Jeder Duckmäuser, der Bücherwissen nur ansammelt, um es in neuen Büchern zu verwursten, ist Scholastiker.“3
- Frage: Weshalb Auseinandersetzung mit Philosophiegeschichte?  Martin Heidegger (1889-1976):

[4] „Ihre eigene Geschichte ist [...] für die philosophische Forschung dann und nur dann in einem relevanten Sinne gegenständlich da, wenn sie nicht mannigfaltige Merkwürdigkeiten, sondern radikal einfache Denkwürdigkeiten hergibt und so die verstehende Gegenwart nicht so sehr zu Zwecken der Kenntnisbereicherung ablenkt, als vielmehr zur Steigerung der Fraglichkeit sie gerade auf sich selbst zurückstößt. So bekümmerte Aneignung der Geschichte besagt aber [...]: radikal verstehen, was jeweilen eine bestimmte philosophische Forschung in ihrer Situation und für diese in ihre Grundbekümmerung stellte; verstehen, das heißt nicht lediglich zur konstatierenden Kenntnis nehmen, sondern das Verstandene im Sinne der eigensten Situation und für diese ursprünglich wiederholen.“4


- scholastische Texte = „Denken am Text“. Einfluß islamischer Jurisprudenz: Methode des „sic et non“, der „lectio“ und „disputatio“  Gegner der Scholastik: z.B. Petrus Damiani (1007-1072).
1. Daten-Pools im Hintergrund

- Rezeption von Traditionen nicht im Original: Neuplatonismus ( Neuplatonismus <- > Christentum: Augustinus [354-430]), aristotelische Platon-Interpretationen etc.

- drei Segmente des rezipierten damaligen Bildungsgutes:

- „artes liberales“

- Philosophie

- biblisch-christliche Traditionen


1.1 Artes liberales

- Wissenschaft im MA: = praktisches Können verschiedene Disziplinen der umfassenden Ausbildung:

- Varro (116 v. - 27 n. Chr.): neun Disziplinen: „septem artes liberales“ plus Architektur und Medizin

- septem artes:

-Trivium: Grammatik, Logik/Dialektik, Rhetorik

- Quadrivium: Musik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie

- Trivium:

- Grammatik:

Wissenschaft der Laute, Buchstaben, geschriebener Literatur  Auslegung von Texten <-> Theologie: Auslegung der Hl. Schrift

- Logik/Dialektik:

= Wissenschaftstheorie. Einfluß der Aristotelischen Logik: „Logica vetus“ (Kategorienschrift und „De interpretatione“), „Isagoge“ zu den „Kategorien“ (Porphyrios [234-301/305]) und Kommentare des Boethius (ca. 480-524).

- Rhetorik:

Cicero (106-43 v. Chr.): „De inventione“, „De oratore“; Aristoteles’ „Rhetorik“

Kritik an der Rhetorik: Immanuel Kant (1724-1804), Johann Wolfgang v. Goethe (1749-1832)


- Quadrivium:

Boethius: Grundgedanke der Zahl und der Proportion: vier artes = vier Arten einer Gattung

- Musik:

Proportion <-> Harmonie <-> zahlengesteuerte Gliederungen kosmologische

Qualität der Musik:

[5] „Du aber hast alles nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet.“5

- Arithmetik:

= Hilfswissenschaft der allegorischen Bibelauslegung

- Geometrie:

Euklid (ca. 300 v. Chr.): „Elemente“

- Astronomie:

Himmelsphänomene <-> Zahlenverhältnisse  Klaudios Ptolemaios (ca. 63-161): „Almagestum“: geozentrische Astronomie


- Augustinus: septem artes = einheitlicher Bildungszyklus. Ausgangspunkt: Mensch = vernünftiges Lebewesen  Vernunft = Bezeichnungs- und Zählvermögen  Weg zum Intelligiblen unter Voraussetzung der unwandelbaren Einheit  Philosophie <-> unwandelbares Eines; artes <-> Wandelbares  artes = Vorstufe, Protreptik der Philosophie und Theologie.

- Dagegen Thomas: Phil. hat Stellenwert jenseits der artes und neben der Theol.


1.2 Was dem Mittelalter als „Philosophie“ gilt

- Übersicht über Philosophiebegriffe bei Ammonius (440-517), zitiert von Cassiodor (ca. 490-580):

- Aristotelisch: Phil. = Wissen vom Seienden als solchen

- Cicero: Phil. = Wisenschaft der göttlichen und menschlichen Dinge, verbunden mit Eifer, gut zu leben

- Platonisch I: Phil. = Einübung des Todes

- Platonisch II: Phil. = Angleichung des Menschen an die Werke des Schöpfers gemäß menschlichem Vermögen

- etymologisch: Phil. = Liebe zur Weisheit

- Augustinus: Platonisch orientiert: aktiver und kontemplativer Teil des Weisheitsstrebens  Dreiteilung Ethik, Physik, Logik

- Aristoteles: poiesis (herstellendes Tun), praxis (Ethik, Politik), theoria (Physik, Mathematik, Erste Philosophie/Theologie)

 Platon und Aristoteles als die beiden „auctoritates“ des MA  Homodoxie von Platonismus und Aristotelismus:

- Aristoteles’ Werke hg. von Andronikos v. Rhodos und bes. rezipiert im MA:

- Organon  Kategorienschrift

- ethisch-politische Schriften  „Nikomachische Ethik“

- naturphil.-biol.-psychol. Schriften  „Physik“

- „Metaphysik“  = Erste Philosophie als Axiomen-Wiss., Ontologie und Theologie

- Platonismus:

- Platonismus <-> Metaphysik = Schau des Verborgenen <-> Theologie  „Timaios“: Kosmologie <-> Ontologie <-> Theologie

- Mittelplatonismus: von Kelsos’ (2. Jh.) Christenkritik (von Friedrich Nietzsche [1844-1900] wiederholt]) zu Origenes’ (ca. 185-254) Verbindung zum Christentum.

- Neuplatonismus:

- Ammonios Sakkas (ca. 175-242)

- Plotin (203-269): „Enneaden“, ed. von Porphyrios:

Idee des Guten = Idee des Einen:

[6] „Es muß immer, wenn wir das Eine und das Gute sagen, darunter dasselbe verstanden werden.“6

 Bildgedanke: weltliche Realität = Bild des Ursprungs  transzendentaler Bildgedanke Johann Gottlieb Fichtes (1762-1814)  fundamentaltheologische Bedeutung bei Hansjürgen Verweyen.

- Proklos (412-485): „Elementatio theologica“  „Liber de causis“

- Boethius: „Philosophiae consolationis libri V“:

Problem von Schicksal und Freiheit  Selbstbesitz als wertvollstes Gut  Gleichmut gg. Schicksal. Unbedingt Gutes = Vollkommenes, ewig Wahres  Ich, Kosmos, Gott.

Fixe Formeln mit großer Wirkungsgeschichte:

- Mensch = „animal rationale“

- Ewigkeit =

[7] „interminabilis vitae tota simul et perfecta possessio“ („völlig gleichzeitiger und vollkommener Besitz unbegrenzbaren Lebens“ )7

- Person =

[8] „personae est definitio: naturae rationabilis individua substantia.“8

Neuplatonischer Hymnus als Mitte der „Consolatio“:

[9] „Der du lenkest die Welt nach dauernden, festen Gesetzen,

Schöpfer des Himmels, der Erden, der du von Ewigkeit

ausgehen

Hießest die Zeit, selbst nimmer bewegt, bewegend das Weltall!



[N.B.: Hier eine der ganz typischen Integrationen eines Aristotelischen Theorems - unbewegter Beweger - in den Platonischen - und Aristotelisch völlig undenkbaren Gedanken eines schöpferischen Wirkens Gottes].

Keine äußere Macht trieb dich, aus wogenden Massen

Deine Schöpfung zu formen; in dir nur trägst du des höchsten

Guten Gestalt, bist frei von Mißgunst. Das All vom Urbild

Leitest du her; die herrliche, Herrlichster selber,

Trägst du im Geiste, die Welt, und formst sie zu ähnlichem

Bilde,

In der vollendeten schafft dein Befehl vollkommene Teile.



Bindest mit Zahlen die Elemente, daß Hitze und Kälte,

Regen und Dürre ihr Maß einhalten; die reinere Flamme

Nicht emporflieh, die Last nicht abwärts ziehe die Erde.

Aus der Mitte der Drei-Natur entläßt du die Seele,

Die das Weltall bewegt, hüllst sie in harmonische Glieder.

Wenn sie getrennt, ballt sie das Bewegte in zwiefache Kreise,

Kehrt sie wieder in sich zurück, umschreitet des Geistes

Tiefen sie und verwandelt nach ähnlichem Bilde den Himmel.

Auch die geringen Wesen und Seelen aus gleichem Grunde

Führest hervor du; und die in der Höhe fügend an leichte

Gefährte,

Teilst du sie aus in Himmel und Erde; nach gütigem Gesetze

Rufst sie wieder dir zugewandt mit rückführendem Feuer.

Vater, verleih meinem Geist, den himmlischen Sitz zu

ersteigen,

Gib ihm zu schauen die Quelle des Guten, gib du ihm wieder

Licht des Geistes, daß er auf dich nur richte die Augen.

Scheuche die irdischen Nebel, zerstöre die wuchtenden Lasten.

Leuchte du auf mit deinem Glanz; denn du bist die Helle,

Du besel’gende Ruh den Frommen, dich schauen ist Ende,

Ursprung, Führer, Erhalter und Weg und Ende du selber.“9
- Dionysius Areopagita
- Neupythagoreismus, Orphik, „Corpus Hermeticum“:

- Neupythagoreismus: Bedeutung von Zahlenproportionen  Cicero, Nikomachus v. Gerasa, Macrobius

- „Corpus hermeticum“:

[10] „Deus est quo nihil melius potest excogitari“10

 Wirkung auf Blaise Pascal (1623-1662), Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716), Anselm v. Canterbury (1034-1109)
1.3 Christliche Prägekräfte mittelalterlichen Philosophierens

- Christentum <-> (griechische) Philosophie: 3 Varianten:

- Gegnerschaft zur Philosophie

- Philosophie als Vorläuferin des Christentums

- wechselseitiger Bezug

- 2 Traditionsstränge:

- griechisch-christlich bzw. ostkirchlich:

 Alexandrien (Philon [20/15 v. - 42 n. Chr.], Clemens v. Alexandrien [150-215], Origenes, Ammonios Sakkas)

 Kappadozier (Basilius v. Caesarea [ca. 330-379], Gregor v. Nazianz [329/30-390], Gregor v. Nyssa [+ 394])

 Dionysius Areopagita (* ca. 500):

Gott = Eines bzw. „Übereines“, da jenseits von Differenz  doppelte Stoßrichtung des „super“: Zu- und zugleich Absprechen eines Prädikats  Unerkennbarkeit Gottes  paradoxes, hymnisches Reden in kataphatischer und apophatischer Weise  negative Theologie: post-diskursives Berühren der namenlos zu benennenden Wirklichkeit Gottes im Sich-Aufgeben der Sprechenden:

[11] Du aber, o mein geliebter Timotheus, lasse nicht ab davon, dich in mystischer Schau zu üben, entsage den Künsten des Verstandes, tue ab von dir, was immer noch den Sinnen oder der Klugheit verhaftet ist, befreie dich vollkommen von allem Sein oder Nichtsein, und erhebe dich, wenn du es kannst, bis zur Höhe des Nichts-mehr-Unterscheidens, über das All hinaus, bis dicht an die Schwelle des Verschmelzens mit Dem, der über jedem Wesen und über jedes Wissen ist. Denn erst wenn du dich von allem ganz entäußert hast, vornehmlich aber von dir selbst, unaufhaltsam und absolut, und ohne jeden Rest leer bist, erst dann wirst du dich in reinster Ekstase bis zu jenem dunkelsten Strahl erheben können, der aus der Urgottheit vor aller Erschaffung kam, jenseits von aller Welt und jenseits von allem Sein, entblößt auch noch von dem, was jedes und dich selbst erst zum Wesen macht.“11


Differenzen = Emanationen des Einen  Hierarchie als einheitliche Fundamentalstruktur der Wirklichkeit:

- theologisch: Hierarchie der Trinität

- ontologisch: Engel - Menschen - Materie

- ekklesiologisch: kirchliche Hierarchie

- mystisch: via purgativa - illuminativa - unitiva

- lateinisch-christlich bzw. westkirchlich:

 Tertullian (+ nach 220)

 Hilarius von Poitiers (ca. 315-367)

 Hieronymus (347-419/20)

 Ambrosius von Mailand (333/334 oder 339/340 - 397)

 Augustinus (354-430): Bekehrungserlebnis:

[12] „Und siehe, da höre ich aus dem Nachbarhaus eine Stimme, als ob ein Knabe oder auch ein Mädchen in singendem Ton immer wiederholte: ‘Nimm, lies! Nimm, lies!’ Sofort veränderte sich meine Miene, und ich überlegte angestrengt, ob nicht etwa Kinder bei irgendeinem Spiel derartiges zu singen pflegen, aber ich entsann mich nicht, es jemals irgendwo gehört zu haben.

Die Tränenflut war zurückgedrängt. Ich erhob mich und begriff nur das eine, daß mir göttlich befohlen war, ein Buch zu öffnen und darin das erste Kapitel zu lesen, auf das ich stoßen würde. Ich hatte nämlich von Antonius gehört. daß er durch eine Stelle im Evangelium, an die er zufällig gekommen war, so ermahnt worden sei, als wäre, was er las, zu ihm gesagt worden... Ich kehrte daher eiligst an den Platz zurück, wo Alypius saß. Dort hatte ich den Band der Paulusbriefe liegenlassen, als ich aufgestanden war. Ich nahm ihn zur Hand und las schweigend den Absatz, auf den meine Augen zuerst gefallen sind: ‘Nicht im Fressen und Saufen, nicht auf Lagestätten und Unzüchten, nicht in Streit und Mißgunst, sondern zieht den Herrn Jesus Christus an und pflegt den Leib nicht zur Erzeugung der Begehrlichkeit.

Weiter wollte ich nicht lesen, und es war auch nötig, denn mit dem Ende dieses Satzes waren, als sei durch ihn die Gewißheit zu meinem Herzen gelangt, alle Schatten des Zweifels im Augenblick zerstoben.“12


Zeitproblematik in den „Confessiones“:

[13] „Was also ist die Zeit? Wer könnte das einfach und kurz erklären? Wer wüßte sich davon einen Begriff im Geist zu verschaffen, um ihn dann in Worte zu fassen? Und welches Wort kommt uns in unseren Unterhaltungen vertrauter und bekannter vor als „Zeit“? Wir verstehen es, wenn wir es sagen, und wir verstehen es auch, wenn wir es einen anderen sagen hören. Was also ist die Zeit? Wenn mich keiner fragt, weiß ich es; wenn ich es dem, der mich fragt erklären möchte, weiß ich es nicht.“13


psychologischer Zeitbegriff auf bewußtseinstheoretischem Fundament: Gegenwart vergangener und zukünftiger Zeit im Gedächtnis als Erinnerung bzw. Imagination  Subjekt- Theologie  radikale Selbstanalyse

Weitere Werke:

„De trinitate“: Vater - Sohn - Geist <-> memoria - intellectus - voluntas

„De civitate Dei“:  „Zwei-Reiche-Lehre“

„De doctrina christiana“: Hermeneutik und Homiletik

Kommentar zum Johannes-Evangelium/1. Johannesbrief:  logos-Spekulation

„De magistro“: Dialog mit Adeodatus:

[14] „Auch Adeodatus nahmen wir mit uns, den Jungen, der mir durch meine Sünde dem Fleisch nach entstammte. Du hattest ihn gut gemacht. Er war etwa 15 Jahre alt und übertraf an Verstand viele reife und gelehrte Männer. Deine Gaben bekenne ich dir, mein Herr und Gott, du Schöpfer von allem und so mächtig, selbst noch aus unserem Vergehen etwas zu machen. Außer meiner Sünde hatte ich an dem Jungen keine Anteil. Denn daß er von uns in deiner Lehre aufgezogen wurde, das hattest du uns eingegeben, kein anderer: Deine Gaben bekenne ich dir. Es gibt ein Buch von uns mit dem Titel ‘De magistro’; er selbst spricht dort mit mir. Du weißt, daß alles, was dort seitens meines Gesprächspartners beigetragen wird, von ihm stammt, als er 16 Jahre war. Und noch viel Wunderbareres habe ich an ihm erlebt.“14


Thema: Wahrheitsfähigkeit der menschlichen Sprache und Möglichkeit der Belehrung eines Menschen durch andere Menschen  einzig mögliche Wahrheitsquelle und Kommunikationsform: „magister intereor“ Christus  Einwohnen der Wahrheit in der Seele  Lernen kein Gewinnen von Neuem, sondern Aufdecken der inneren Wahrheit

 Auseinandersetzung mit „De magistro“ bei Thomas von Aquin: aristotelisierende Tranformation: konstitutive Funktion der Vernunft beim Gewinn der Wahrheit und Möglichkeit echter zwischenmenschlicher Belehrung



1.4 Arabisch-islamische und jüdische Vorgaben

- arabisch-islamische Tradition: <-> Aristoteles-Rezeption

 al-Kindi (+ ca. 873)

 al-Farabi (ca. 879-950):

Gott: Wesen <-> Existenz  Dasein alles anderen Seienden

Erkenntnis: Dinge <-> Denken, da aus demselben absoluten Grund hervorgehend

 Ibn Sina bzw. Avicenna (980-1037):

Universalienproblem  Individuationsproblem. Bzgl. empirischem Seienden: Materie als principium individuationis (vgl. Aristoteles). Intellekt jedoch immateriell  intellectus agens = überpersönliche geistige Energie-Instanz, an der menschliche Subjekte erkennend partizipieren  kein ihnen innewohnendes Vermögen

 al-Gazali (1059-1111): Skepsis gg. Philosophie  Infragestellung des Kausalitätsprinzips  Wendung zum Sufismus

 Ibn Ruschd bzw. Averroes (1126-1198):

Vermittlung Vernunft - Offenbarung: Offenbarung = übertragene Rede

Verstandesbegriff: intellectus agens - intellectus possibilis <-> Form - Inhalt  Identität, Unerschaffenheit und Unvergänglichkeit. Dagegen Vergänglichkeit des erworbenen Intellekts  Sterblichkeit der individuellen Seele  Widerspruch der Theologen, ebenso Konflikt um aristotelisierende These der Ewigkeit der Welt und der Betonung der Einheit Gottes


- jüdische Tradition:

 Ibn Gabirol bzw. Avicebron/Avicebrol/Avencebrol (ca. 1021-1057 oder 1070)

 Jehuda Halevi (1080-1141): Gegner phil. Vermittlungen

 Moses ben Maimon bzw. Maimonides (1135-1204): Bsp. für Aufklärung im MA:

„Mischneh Torah“:

[15] „Es komme Niemandem der Gedanke auf, daß in der messianischen Zeit etwas in der Weltordnung aufhören oder etwas Neues in der Schöpfung vorgehen werde; die Welt wird vielmehr im alten Gleise bleiben. So müssen auch alle Ausdrücke, die in bezug auf den Messias ausgesprochen wurden, nur als Symbole betrachtet werden. Denn alle diese im Blick auf den Messias ausgesprochenen Vermutungen kann kein Mensch mit Bestimmtheit wissen, es sei denn, sie realisieren sich. Sie sind sogar bei den Propheten dunkel, auch die Gelehrten haben keine Tradition darüber.“15


„Führer der Unschlüssigen“: strenge theologia negativa: negative Attributenlehre bzgl. Wesensattribute Gottes  Begrenztheit menschlicher Erkenntnis  Hinwendung zur Praxis

Wirkungsgeschichte:

Immanuel Kant, Baruch de Spinoza (1632-1677), Moses Mendelssohn (1729-1786), Friedrich Heinrich Jacobi (1743-1786), Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781)
Testfragen:
1. Welche Vorurteile gehen häufig mit dem Begriff der Scholastik einher? Was versteht man im strengen Sinn darunter?
2. Was macht es so schwierig, die Epoche des Mittelalters abzugenzen? Ist Scholastik mit mittelalterlicher Philosophie deckungsgleich und umgekehrt?
3. Was versteht man unter „artes liberales“? Welche Sachbereiche umfassen sie und warum sind sie für die Philosophie von Belang?
4. Was verstehen mittelalterliche Denker unter „Philosophie“? Welche Autoren und Ideen spielen dabei eine besondere Rolle?
5. Welche christlichen Prägekräfte beeinflussen die mittelalterliche Philosophie?
6. Was macht das Spezifische des Boethianischen Denkens aus?
7. Welche Konzeption lassen die Schriften des Ps.-Dionys Areopagita erkennen und was macht diese bis heute relevant?
8. Welche Rolle spielt das Denken Augustins für das Mittelalter? Welche Probleme werden durch ihn zu Grundthemen der Philosophie?
9. Aus welchen arabischen und jüdischen Quellen schöpft das Mittelalter? Was tragen sie an Spezifischem zur Philosophie bei?

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