Gedichte, Lieder, Märchen und andere Prosa Herausgegeben von Emmanuel Bohn Benutzerhinweis




Yüklə 0.55 Mb.
səhifə1/4
tarix25.04.2016
ölçüsü0.55 Mb.
  1   2   3   4



Gedichte, Lieder, Märchen und andere Prosa

Herausgegeben von Emmanuel Bohn

Benutzerhinweis
Sie können die Anthologie auf drei verschiedenen Wegen benutzen: Wie üblich blättern mit Maus oder Cursor.

In der nachfolgenden Inhaltsübersicht können Sie jeden Text einzeln anklicken.

Über das Autorenverzeichnis am Ende können Sie die Texte nach Autoren geordnet abrufen.
Sie können die Anthologie komplett und, wie üblich, auch einzelne Texte ausdrucken.

Inhaltsübersicht

Vorwort

I. Abschiede
Else Lasker-Schüler, Ich weiß

Thomas Mann, Joseph in Ägypten

William Shakespeare, Sonnet XXX/XXX. Sonett

Simone de Beauvoir, Ein sanfter Tod

Sappho von Mytilene, Lied

Alfred de Musset, Sur une morte/Auf eine Todte

Du Fu, Abschied vom Grab des Fang Guan

Anonym, Lateinische Grabinschrift

Anachreon von Teos, Eine Richtung

Joseph von Eichendorff, Im Alter

Theodor Storm, Schließe mir die Augen

Kurt Tucholsky, Mutterns Hände

Georg Heym, Letzte Wache

Heinrich Heine, XXXVII. Buch der Lieder

Ossip Mandelstam, Wie kann ich

Cet Necatigil, In den Büchern sterben

Leonardo Sinisgalli, Epigrafe/Inschrift

Afrikanisches Märchen, Im Dorf der Verstorbenen



II. Fragen oder die Suche nach Übergängen
Elias Canetti, Wohin

Albert Camus, Die Pest

Tibetanisches Totenbuch, Des Todes Boten

Paulus, Erster Brief an die Korinther

Martin Luther, Ein jeder selbst

Koran, 27. Sure

Simonides von Keos, Vergeblich

Aus dem Shi-King, Gebet an die Ahnen

Semonides v. Amorgos, Mein Rat

Friedrich Schiller, Nänie

Plato, Phaidon

Fazil Hünsü Daglarca, Ode an die Wiedererstandenen

Eugéne Ionesco, Tagebuch

Joachim Ringelnatz, Was dann?

William Shakespeare, Sonnet LXVI/LXVI.Sonett

Andreas Gryphius Menschliches Elende

Paul Verlaine, Chanson d’automne/Herbstlied

J. Wolfgang v. Goethe, Kaleidoskop

Elias Canetti, Alles

Friedrich Hölderlin, Hyperion



III. Fragen oder die Suche nach Lebenswegen
Bertold Brecht, Inschrift auf einem nicht abgeholten Grabstein

Friedrich Hölderlin, Lebenslauf

William Shakespeare, Sonnet XI/XI. Sonett

Erich Kästner, Ein alter Mann geht vorüber

Theodor Fontane, Ausgang

J. Wolfgang v. Goethe, Kleiner Ring

Andreas Gryphius, An sich selbst

Joachim Ringelnatz, Versöhnung

Theodor Fontane, Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Pierre de Ronsard, De l’élection de son sepulchre/Wie ich mir

mein Grab wünsche

J. Wolfgang v. Goethe, Hermann und Dorothea

Matthias Claudius, Der Mensch

G. Ephraim Lessing, Das Gleichnis von den drei Ringen

Aus dem Shintoismus, Gebet an die Ahnen

Friedrich Hölderlin, Hälfte des Lebens

H. Christian Andersen, Der alte Grabstein

IV. Gesungene Erinnerungen
Paul Celan, Psalm

Yaha Kemal Beyatli, Der Tod der Weisen

Bertold Brecht, Ballade in der Stunde der Entmutigung

William Shakespeare, Sonnet LXXXI/LXXXI. Sonett

C. Ferdinand Meyer, Schillers Bestattung

Carl Zuckmayer, Totenlied für Klabund

Hermann Hesse, Nachruf

Alfred de Musset, Tristesse/Trauer

Georg Britting, Hektor und Achill (I)

Ossip Mandelstam, Gruß

Reiner Kunze, Zuflucht noch hinter der Zuflucht

Rhan Veli Kanik, Grabinschrift



V. Kurzweil ist des Toten Wanderschaft
Novalis, Trost

Friedrich Hebbel, Am vierten Sonntag nach Ostern

J. Wolfgang v. Goethe, Wandrers Nachtlied

J. Wolfgang v. Goethe, Wege

Hit Sitki Taranci, Nach dem Tod

Alfred Döblin, Manas

Jean Cocteau, Vom Tod

Rainer Maria Rilke, Herbst

Friedrich Hölderlin, Stammbuchblatt für einen Unbekannten

Wang Wei, Gegangen

Melih Cevdet Anday, Brief von einem toten Freund

VI. Sprechend Verstummen
Paul Celan, Stehen im Schatten

Bertold Brecht, Ich beginne zu sprechen vom Tod

Else Lasker-Schüler, Mein Sterbelied

Yuan Zhen, Elegie (II)

Euripides Monolog der Hekuba

Hermann Hesse Klage

Ingeborg Bachmann Lieder von einer Insel

W.H. Auden, Klage

Rose Ausländer, Der Brunnen

Paul Celan, Todesfuge



VII. Schatten Welten
Afrikanisches Märchen, Laeja und Lingeo

Thomas Bernhard, Anruf

Charles Baudelaire, La mort des artistes/Der Tod der Künstler

L. S. Boethius v. Rom, Grabinschrift auf seine erste Frau, Helpes

Bakchylides v. Keos, Pleuro

Hermann Hesse, Traurigkeit

François Villon, L’épitaphe Villon/Ballade von den Gehenkten

Paul Celan, Dein

Else Lasker-Schüler, Klein Sterbelied

Persisches Märchen, Der Engel des Todes



VIII. Kreuzwege oder die Suche nach dem gültigen Wort
Ossip Mandelstam, In Weite

Theognis v. Megara, Wahrheit

Cesare Pavese, Der Tod wird kommen

Jean Améry, Hand an sich legen

Friedrich v. Schiller, Hoffnung

Li Bo, „Ewige Sehnsucht“ (I)

William Shakespeare, Sonnet LXXII/LXXII. Sonett

Bertold Brecht, Lobgesang nach: Befiehl du deine Wege

Friedrich v. Schiller, Breite und Tiefe

Andreas Gryphius, Am Ende

Matthias Claudius, Wir pflügen und wir streuen

Elio Filippo Accrocca, Anche i alberi un tempo erano croci/

Auch die Bäume waren einmal Kreuze

Robert Desnos, L’épitaphe/Epitaph

J. Gottfried Keller, Ein Traum ist unser Leben

Afrikanisches Märchen, Kallondji erweckt Tote


Editorische Notiz

Autorenverzeichnis

Literaturhinweise

Vorwort

Was bedeutet der Tod für uns Menschen, was bedeutet er uns heute? Die Frage ist in ihrer Komplexität unerschöpflich. Sie zielt einerseits auf den Kern menschlicher Existenz, denn der Frage nach dem Tod unterliegt die Frage nach dem Leben, dessen Teil er ist: Sie berührt so alle philosophischen oder theologischen Argumentationen, Leben nicht nur aus sich selbst heraus zu definieren. Andererseits zielt sie auf eine konkrete, historisch und gesellschaftlich bedingte Auseinandersetzung mit der Tiefe des Geheimnisses, das der Bedeutung von Leben und Tod innewohnt.


Alle Zivilisationsmodelle beinhalten so neben theologischen oder existenz-philosophischen Sinnstiftungen zum Zyklus aus Leben und Tod, aus Werden und Vergehen, immer auch eine literarisch soziale Annäherung an dieses Geheimnis. Eine Annäherung durch die Verbindung von Ritual und Kunst, die das Geheimnis der Existenz nicht vorgibt zu lösen, sondern es zu umschreiben versucht, in der Erkenntnis, mit der Endlichkeit menschlicher Existenz nur leben lernen zu können.
Zu unseren heutigen Erfahrungen mit Tod und Sterben habe ich sehr widersprüchliche Wahrnehmungen. Auf einer Wirklichkeitsebene existiert in unseren virtuellen Bilderwelten eine beinahe schon banale Allgegenwart des Todes. In den Nachrichten gerinnen Tod und Sterben zu abstraktem Zahlenmaterial. Die Qualität des Ereignisses, sprich der sogenannte Nachrichtenwert, beruht in seiner quantitativen Dimension. Wie vieler Toten bedarf es, daß aus den Verstorbenen auch eine Nachricht wird? Was war an dem tragischen Unfall von Eschede das Berichtenswerte? Die große Anzahl der Toten? Daß selbst die sicherste Technik eben doch Sicherheitsrisiken, in sich birgt, weil es Menschen Werk bleibt? Die Reduzierung einer solchen Katastrophe zu scheinbar objektiven Fakten - wer entscheidet über jeweilige Bedeutung, sprich, was der Deutung bedarf - blendet jedenfalls zwei Gefühlswelten aus: Haben wir eine Vorstellung über das Sterben dieser Menschen im Zug? Lassen wir es zu, uns die Schmerzen, die Gefühle - Widerstand und Wut, Abschiede, Verzweiflung, Hingabe an das Unausweichliche - überhaupt vorzustellen, wenn auch als untauglichen Versuch? Wie sonst können wir mitfühlen? Warum die mediale Präsenz des Todes, wenn es nicht um Mitgefühl und eine daraus resultierende Bewußtheit geht?
Ähnliches gilt auch im Verhältnis zu den mittelbaren Opfern, den Hinterbliebenen. Sie sind zwar Teil des Ereignisses, denn die nachrichtliche Verwertung braucht Bilder. Sie unterliegen dabei einem unausgesprochenen Tabu: Gefühle sind zu beherrschen. Trauer und Schmerz um den Verlust eines Menschen, Verzweiflung, Ohnmacht und Leere dürfen nicht ausbrechen, stellt sich doch dann die Frage nach der Teilnahme des Gegenüber. Von Überlebenden und Hinterbliebenen wird erwartet, daß sie ihre Gefühle ‘führen’ wie das Schauspieler auf der Bühne tun. ‘Ungeführte’ Gefühle taugen nicht für die Öffentlichkeit. Dafür sind Spezialisten zuständig, Psychiater und Therapeuten. Solche existentiellen Krisen und die damit verbundenen Emotionen werden in der direkten Bedeutung des Wortes „hinter verschlossenen Türen behandelt.“ Warum eigentlich?
Die virtuelle Abstrahierung des Todes, des Sterbens wird noch deutlicher, wenn man sich anschaut, wie in der Regel in Serien, Video- und Fernsehfilmen gestorben wird: Einerseits wird Sterben in pseudo-realistischer Drastik dramatisiert, andererseits
werden Gefühlsebenen sei es des Sterbenden, sei es der Hinterbliebenen verkleinert. Salopp formuliert, alle Figuren haben immer alles im Griff: Die Sterbenden ihr Sterben, die Trauernden ihre Trauer und so weiter. Beide Effekte, Dramatisierung und Banalisierung, haben ihre Ursache in der, den Medien ureigenen Beschleunigungs-mechanik. Wenn der Take des Sterbenden länger als 15 Sekunden dauert, wird bereits eine zentrale dramaturgische Regel verletzt - Fesselung des Zuschauers durch Beschleunigung. Er darf nicht zur Besinnung kommen, denn sonst könnte er ja seine Freiheit mißbrauchen und den Knopf drücken.
Ein Stück wie die „Troerinnen“ des Euripides wäre - mal abgesehen davon, daß es das Sterben im Krieg, die barbarische Logik des Krieges in seltener Konsequenz ausschließlich aus der Sicht der Opfer erzählt - unter heutigen medialen Strukturen schon deshalb ohne Erfolgschancen, weil es einfach zu lange dauert. Da wartet eine Gruppe Trojanischer Frauen nach der Zerstörung Trojas auf den Tod. Die Griechen als Sieger verfolgen die Logik, daß nur die völlige Ausrottung der Trojaner die Spirale von Gewalt und Gegengewalt - sprich die Angst vor Vergeltung - beenden kann. Diese Frauen, die da auf den Tod warten, für sie ist die Gewißheit des Sterben müssens konkret geworden. Sie personifizieren dabei sehr unterschiedliche Weisen, mit dieser unausweichlichen Situation umzugehen: Kämpfen bis zur letzten Sekunde; unversöhnliche Bitterkeit, grenzenlose Verzweiflung; ein sich ins Schicksal ergeben, das an Hingabe grenzt; opportunistischer Pakt mit den Siegern, um das eigene Überleben zu sichern und der hilflose Versuch sich selbst zu opfern, um andere zu retten. Die Geschichten dieser Figuren, ihre Gefühlswelten adäquat erzählt, verlangt eine Zeitspanne von drei bis vier Stunden.
Diese andere Definition von Zeit, weil sie nicht an technische Vorgänge, sondern an menschliche Prozesse gebunden ist, materialisiert sich durch die Anwesenheit von Menschen auf der Bühne. Sie spielen zwar, aber der Zuschauer fühlt ihre Körperlichkeit, ihr sinnliches Wesen spricht die eigenen Sinne an. Um beim Beispiel der „Troerinnen“ zu bleiben, ihre konkrete Gewißheit des Sterben müssens kristallisiert eine Projektionsfläche, die den Zuschauer mit dem eigenen Bewußtsein seines Sterben müssens konfrontiert.
Diese ureigene Definition menschlicher Existenz, das Leben mit und in der bewußten Gewißheit der eigenen Endlichkeit, ist einerseits die Basis der Entwicklung von Individualität, denn erst dieses Wissen schafft eine Begrenzung, innerhalb derer sich der besondere Wert, die Unaustauschbarkeit des Einzelnen entwickeln kann. Andererseits ist dieses Wissen Kern unseres menschlichen Dramas: Wir sind zwar Schöpfer unserer eigenen Existenz, doch ist diese Macht über uns selbst nur eine relative; Den entscheidenden Faktor unseres Seins, daß wir mit dem Beginn unseres Lebens auch zu sterben beginnen, können wir nicht außer Kraft setzen.
Die Beherrschbarkeit des Todes aber suggerieren uns nicht nur die oben beschriebenen virtuellen Welten. Im Wesentlichen konzentrieren sich die Fortschrittsvorstellungen der industrialisierten Zivilisationen auf die Ausdehnung der Gegenwart. Da der Tod trotz aller medizinisch-technischer Entwicklung, trotz Gen-Biologie nicht besiegbar ist, wird das Sterben in eine möglichst ferne und damit abstrakte Zukunft hinaus geschoben. Keine Frage, jeder will möglichst lange leben!

Doch was bedeutet in diesem länger werdenden Leben die Gewißheit des Sterben müssens?

Ausdehnung der Gegenwart meint eine spezifische Definition von Zeit - sie unterscheidet sich z.B. fundamental von der des Mittelalters oder der Renaissance -, die sich vielfältig in sozialen und kulturellen Lebensgewohnheiten wiederspiegelt: Zu dieser Dominanz der Gegenwart gehören als Beispiel die Verschiebungen innerhalb der biographischen Entwicklungsstufen. So hat sich die Phase der Jugendlichkeit in beide Richtungen ausgedehnt. Sie beginnt einerseits immer früher und dehnt sich andererseits immer weiter ins Erwachsenen Leben aus. Vereinfacht ausgedrückt, zwischen fünfzehn und fünfundvierzig dominiert ein Lebensstil; dazu gehören nicht nur entsprechende öffentliche Wertvorstellungen, durch Werbung, Mode etc. transportiert, sondern auch die großen Anstrengungen, die viele auf sich nehmen, um ihren Körpern durch Body building, Operationen und Chemie zu einem möglichst jugendlichem Aussehen zu verhelfen. Interessant dabei der Begriff „building“, als wäre der Körper ein Objekt, das sich funktional gestalten ließe.
Zu dieser sozialen und kulturellen Dominanz der Gegenwart gehört - wie ineinander verwobene Prozesse - die fortschreitende Ökonomisierung aller Lebensbereiche. Erst der ganz in der Gegenwart aufgegangene Mensch - Vergangenheit und Zukunft sind am Horizont entschwunden - kann sich einer ökonomischen Funktionalität unterwerfen, die außerhalb ihrer eigenen Begrifflichkeit keine weiteren individuellen oder gesellschaftlichen Sinn- und Existenzvorstellungen mehr vorsieht.
Nichts läßt sich jedoch weniger ökonomischer Rationalität unterwerfen als der Tod, ausgenommen vielleicht die Sexualität. Ist sie doch der anarchische Lebenstrieb, der uns noch am ehesten eine Vorstellung unserer Endlichkeit vermittelt. Ihre dunklen Seiten machen uns jedenfalls mit dem Tod bekannt.
Wenn sich Leben als ein Prozeß des Werdens und Vergehens, als eine Verflechtung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft darstellt, deren unabänderlicher Bestandteil auch der Tod ist, impliziert unsere heutige Sprachlosigkeit Leben und Tod gegenüber dann nicht die verdrängte Einsicht, daß sie sich unserem Willen nicht beugen?

Das sind die Fragen und Überlegungen, die mich bei der Auswahl der hier zusammengestellten Texte geleitet haben. Es ging mir darum, in einem breiten historischen Spektrum verschiedener Kulturen und Literaturen Annäherungen an Tod und Sterben - wie sie den Blick der Lebenden auf die eigene Existenz beeinflussen - nachzuzeichnen. Es liegt im Wesen dieser Annäherungen, der Tod ist ein Schatten und niemand ist aus dem Reich der Schatten zurückgekehrt , daß sie sich nur in Gleichnissen formulieren lassen. Daher erklärt sich auch, daß die europäischen Literaturen seit 3.500 Jahren für diese Annäherungen die Form der gebundenen Sprache, das Gedicht, bevorzugt haben.

Dabei war die künstlerische Befragung des Kreises von Leben und Tod in Wort, Bild und Ton immer auch von der Frage begleitet: Was überdauert die Endlichkeit der eigenen Existenz? Ein produktiver Widerspruch läßt sich dabei nachzeichnen: Es sind die selbstvergessenen Annäherungen an die Grenze menschlichen Lebens, das manchmal verzweifelte, demütige, zynische, weise, schweigende und schreiende
Wissen um die Unausweichlichkeit des Todes, die Kunstwerke geschaffen haben, welche ihre Schöpfer lange überdauerten.

Es ist die Kunst, als die Verdichtung des Lebens, über die der Tod keine Macht hat. In ihrer Immaterialität ist sie ein emotionales Gedächtnis, das solange es von Generation zu Generation weitergereicht wird, unabhängig von körpergebundenen Existenzformen existieren kann.


Im Kapitel Abschiede finden sich Texte, über den erlebten Tod. Welche Spuren hinterläßt der erfahrene Tod unter den Lebenden? Wie teilen die Sterbenden ihr Leben und Sterben den Zurückbleibenden mit? Wie verabschieden sich die Lebenden von den Sterbenden? Wie artikulieren sich Schmerz und Verlust, wenn sie als Teil des Lebens angenommen?
Fragen oder die Suche nach Übergängen beschäftigt sich mit Versuchen durch die Formulierung eines Existenz unabhängigen Sinns dem Tod seinen Schrecken zu nehmen. Leben und Tod in eine harmonische Balance zu stellen. Wie begegnet der Lebende dem Tod? Tod als Vollzug des göttlichen Willens? Der Tod als Pforte zu einer anderen Form der Existenz? Tod als Ziel oder aber als lästiger Unfall?
Fragen oder die Suche nach Lebenswegen stellt das vorherige Kapitel in gewisser Weise vom Kopf auf die Füße. In verschiedenen Facetten ranken sich die hier versammelten Texte um den Versuch, dem Tod keinen anderen Sinn, als dem des Lebens zu geben. Leben ist nur Leben, weil es auch den Tod beinhaltet. Der Lebende ist auch ein Sterbender, er lernt zu leben, in dem er zu sterben lernt. Wie entwickelt und verändert sich Welt- und Lebenserfahrung im Bewußtsein des Sterben müssens? Was bleibt vom Leben im Sterben ohne die Hoffnung auf eine jenseitige Existenz?
Gesungene Erinnerungen feiern die Toten in ihrer emotionalen Präsenz im Gedächtnis der Lebenden. In gleichnishafter Weise formulieren die hier versammelten Texte Hinterlassenschaften. Wobei die Perspektive zwischen Verlassenen und Hinterlassenden wechselt. Vielleicht geht es auch um Liebe zwischen Lebenden und Toten, wenn man das so formulieren mag.
Im Kapitel Kurzweil ist des Toten Wanderschaft versammeln sich Texte, die welche die Pforten zwischen Leben und Tod umschreiben. Während die gesungenen Erinnerungen den Tod im Leben betonen, auf der Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten bestehen, geht es hier um ‘loslassen’. Die Trennung ist vollzogen und wird als notwendige Konsequenz akzeptiert.
Sprechend verstummen nun Texte um den unversöhnlichen, den grausamen Tod. Es sind Klagen und Beschwörungen, die im Halse stecken bleiben. Mord, als unfaßbare, ungerechte Form des Todes, die Menschen anderen Menschen zufügen.
In Schattenwelten sprechen die Toten zu den Lebenden. Sie sind noch nicht fertig mit dieser Welt, mit ihrer vergangenen Existenz. Und manche der Lebenden antworten, aber ohne die Sprache der Toten zu verstehen, naturgemäß. Ein Kapitel über mannigfache Mißverständnisse.

In Kreuzwege oder die Suche nach dem gültigen Wort schließt sich der Kreis. Die Suche nach dem gültigen Wort bleibt Suche, auch wenn sie die Entfaltung von Menschlichkeit impliziert. Sie weiß, jede Versöhnung bleibt eine vorläufige, auch wenn sie des Wortes bedarf, und muß schon morgen neu erstritten werden.

Natürlich sind die hier angedeuteten Zugänge sehr persönliche Assoziationsfelder und hoffentlich dennoch nachvollziehbar. Die „Pforten der Wahrnehmung“ können und sollen auch aus ganz anderer Richtung durchschritten werden. Es ist eine der Literatur dienlichen Eigenschaften des Internet, daß Sie, interessierter Leser, diese Anthologie auf eigene Weise nutzen können, sei es am Bildschirm, sei es durch Ausdruck der Texte. Dem Medium entsprechend kann und soll sich diese Sammlung auch verändern.
Über Anregungen, Kommentare, Hinweise oder Texte ihrer Wahl, die wir der Anthologie beifügen werden, würde ich mich freuen. Vielleicht wächst hier so ein lebendiges Forum.

Frankfurt am Main, Juli 1998



Emmanuel Bohn

E-Mail: communication@hall-of-memory.com



I. ABSCHIEDE

Ich weiß

(1943)


Ich weiß, daß ich bald sterben muß

Es leuchten doch alle Bäume

Nach langersehntem Julikuß -
Fahl werden meine Träume -

Nie dichtete ich einen trüberen Schluß

In den Büchern meiner Reime.
Eine Blume brichst du mir zum Gruß -

Ich liebte sie schon im Keime.

Doch ich weiß, daß ich bald sterben muß.
Mein Odem schwebt über Gottes Fluß -

Ich setze leise meinen Fuß

Auf den Pfad zum ewigen Heime.

Else Lasker-Schüler

Joseph in Ägypten

(1935)


“Friede sei mit dir!” sprach er. “Ruhe selig, mein Vater, zur Nacht! Siehe, ich wache und sorge für deine Glieder, während du völlig sorglos den Pfad des Trostes dahinziehen magst und dich um nichts mehr zu kümmern brauchst, denke doch nur und sei heiter: um gar nichts mehr! Um deine Glieder nicht, noch um die Geschäfte des Hauses, noch um dich selbst und was aus dir werden soll und wie es sein mag mit dem Leben nach diesem Leben, - das ist es ja eben, daß alles dies und das Ganze nicht deine Sache und Sorge ist und keinerlei Unruhe dich deswegen zu plagen braucht, sondern du's alles sein lassen kannst, wie es ist, denn irgendwie muß es ja sein, da es ist, und sich so oder so verhalten, es ist dafür bestens gesorgt, du aber hast ausgesorgt und kannst dich einfach betten ins Vorgesorgte. Ist das nicht herrlich bequem und beruhigend? Ist's nicht mit Müssen und Dürfen heut wie nur jemals, wenn dir mein Abendsegen empfahl, doch ja nicht zu denken, du müßtest ruhen, sondern du dürftest? Siehe, du darfst! Aus ist's mit Plack und jeglicher Lästigkeit. Keine Leibesnot mehr, kein würgender Zudrang noch Krampfesschrecken. Nicht ekle Arznei, noch brennende Auflagen, noch schröpfende Ringelwürmer im Nacken. Auf tut sich die Kerkergrube deiner Belästigung. Du wandelst hinaus und schlenderst heil und ledig dahin die Pfade des Trostes, die tiefer ins Tröstliche führen mit jedem Schritt. Denn anfangs ziehst du durch Gründe noch, die du schon kennst, jene, die dich allabendlich aufnahmen durch meines Segens Vermittlung, und noch ist einige Schwere und Atemlast mit dir, ohne daß du's recht weißt, vom Körper her, den ich hier halte mit meinen Händen. Bald aber - du achtest des Schrittes nicht, der dich hinüberführt - nehmen Auen dich auf der völligen Leichtigkeit, wo auch von ferne nicht und auf das unbewußteste eine Mühsal von hier aus mehr an dir hängt und zieht, und allsogleich bist du jeglicher Sorge und Zweifelsnot ebenfalls ledig, wie es sei und sich etwa verhalte mit dir und was aus dir werden solle, und du staunst, wie du dich jemals mit solchen Bedenklichkeiten hast plagen mögen, denn alles ist, wie es ist, und verhält sich aufs allernatürlichste, richtigste, beste, in glücklichster Übereinstimmung mit sich selbst und mit dir, der du Mont-kaw bist in alle Ewigkeit.

Denn was ist, das ist, und was war, das wird sein. Zweifeltest du in der Schwere, ob du dein Olbäumchen finden würdest in drüberen Gefilden? Du wirst lachen über dein Zagen, denn siehe, sie ist bei dir, - und wie sollte sie nicht, da sie dein ist? Und auch ich werde bei dir sein, Osarsiph, der verstorbene Joseph, wie ich für dich heiße, - die Ismaeliter werden mich dir bringen. Immer wirst du über den Hof kommen mit deinem Knebelbart, deinen Ohrringen und mit den Tränensäcken unter deinen Augen, die dir mutmaßlich geblieben sind von den Nächten her, die du heimlich-bescheiden um Beket verweint hast, das Olbäumchen, und wirst fragen: “Was ist das? Was für Männer?” und reden: “Seid so gut! Meint ihr, ich kann euch schwatzen hören die Tage des Rê?” Denn da du Mont-kaw bist, wirst du nicht aus der Rolle fallen und dir vor den Leuten das Ansehen geben, als glaubtest du wirklich, daß ich nichts anderes sei als Osarsiph, der verkäufliche Fremdsklave, da du doch heimlich wissen wirst in bescheidener Ahnung, schon vom vorigen Mal, wer ich bin und welchen Bogen ich hinziehe, daß ich den Weg der Götter, meiner Brüder, bahne. Fahr wohl denn, mein Vater und Vorsteher! Im Lichte und in der Leichtigkeit sehen wir beide uns wieder.”



Thomas Mann
Sonnet XXX

When to the sessions of sweet silent thought

I summon up remembrance of things past,

I sigh the lack of many a thing I sought,

And with old woes new wail my dear time's waste:

Then can I drown an eye, unused to flow

For precious friends hid in death's dateless night,

And weep afresh love's long since cancell'd woe,

And moan the expense of many a vanish'd sight:

Then can I grieve at grievances foregone,

And heavily from woe to woe teIl o'er

The sad account of fore-bemoaned moan,

Which I new pay as if not paid before.

But if the while I think in thee, dear friend,

All losses are restored and sorrows end.

William Shakespeare

XXX. Sonett

Wenn ich in schweigender Gedanken Rat

Erinnrung des Vergangnen traulich lade,

Beseufzend was entflohn mir nie mehr naht,

Neu klagend alte Weh'n versunkner Lebenspfade:

Dann netz' ich wohl versiechte Augenlider

Um teure Freund' in Todesnacht gehüllt;

Es weinen, längst erstickt, der Liebe Schmerzen wieder,

Der Gram um manch dahingeschwunden Bild.

Dann kann ich leiden um vergangnes Leid,

Die trübe Summe vorbeklagter Klagen

Von Weh zu Weh ziehn mit Betrübsamkeit,

Sie zahlend wie noch niemals abgetragen.

Doch, teurer Freund! gedenk' ich dein dabei,

Ersetzt ist alles, und ich atme frei.

Nachdichtung:

Ein sanfter Tod

(1964)


Sie glaubte an den Himmel; doch trotz ihres Alters, ihrer Gebrechen und Beschwerden war sie ungestüm der Erde verhaftet und empfand vor dem Tode ein animalisches Grauen.

Meiner Schwester hatte sie von einem Alptraum erzählt, der immer wiederkehrte: “Ich werde verfolgt, ich laufe und laufe und stoße gegen eine Mauer; ich muß über diese Mauer springen und weiß nicht, was dahinter ist; ich habe Angst. Der Tod selbst erschreckt mich nicht: ich habe Angst vor dem Sprung”, hatte sie zu meiner Schwester gesagt. Als sie auf dem Fußboden kroch, glaubte sie, der Augenblick für den Sprung sei gekommen. (...)


Am Sonntag hatte sie mittags Kartoffelpüree gegessen, das nicht durchgekommen war (in Wirklichkeit hatten die eintretenden Metastasen sie geschwächt), und im Wachzustand einen langen Alptraum gehabt: “Ich lag in einem blauen Tuch über einem Loch”, erzählte sie. “Deine Schwester hielt das Tuch, und ich bat sie: ‘Laß mich nicht in das Loch fallen’ ... ‘Ich halte dich fest, du wirst nicht hineinfallen’, erwiderte Poupette.” Sie hatte die Nacht auf einem Sessel verbracht, und Mama, die sonst immer um ihren Schlaf besorgt war, sagte zu ihr: “Schlaf nicht; laß mich nicht davongehen. Wenn ich einschlafe, dann weck mich: laß mich nicht davongehen, während ich schlafe.” Plötzlich - so erzählte meine Schwester - schloß Mama erschöpft die Augen. Ihre Hände verkrallten sich in die Bettücher und sie rief: “Leben, leben!”(...)
Nachts hatte Mama wieder Alpträume: “Ich werde in einen Kasten gelegt”, sagte sie zu meiner Schwester. “Ich bin da, aber im Kasten. Ich bin ich und doch nicht mehr ich. Männer tragen den Kasten weg!” Sie sträubte sich: “Laß sie mich nicht wegtragen!” Lange ließ Poupette ihre Hand auf Mamas Stirn liegen. “Ich verspreche dir, daß sie dich nicht in den Kasten legen werden.” Sie verlangte eine weitere Dosis Equanil. Als Mama endlich von ihren Visionen erlöst war, fragte sie Poupette: “Was bedeutet das eigentlich, dieser Kasten und diese Männer?” “Das sind Erinnerungen an deine Operation: Krankenpfleger tragen dich auf einer Bahre weg.” Mama schlief ein. Doch am nächsten Morgen lag in ihren Augen die ganze Traurigkeit wehrloser Tiere.
“Ich bin so müde”, seufzte sie. Sie hatte eingewilligt, am Nachmittag Marthes Bruder, einen jungen Jesuiten, zu empfangen. “Soll ich ihm absagen?” “Nein. Deiner Schwester wird es Spaß machen; sie werden sich über Theologie unterhalten. Ich werde die Augen schließen und brauche nicht zu sprechen.” Mittags aß sie nichts. Den Kopf auf die Brust geneigt, schlief sie ein. Als Poupette die Tür aufstieß, glaubte sie, alles sei zu Ende. Charles Cordonnier blieb nur fünf Minuten; er erzählte von den Essen, zu denen sein Vater Mama jede Woche einlud. “Ich hoffe, Sie an einem der nächsten Donnerstage am Boulevard Raspail wiederzusehen.” Sie sah ihn ungläubig und bekümmert an. “Du glaubst also. ich komme wieder hin?”

Niemals hatte ich an ihr eine so unglückliche Miene gesehen: an dem Tage ahnte sie, daß sie verloren war.


Simone de Beauvoir

Lied

(ca. 600 v. Christus)

Erstorben wirst du liegen,

Und niemand wird dein denken,

Niemand zu allen Zeiten:

Denn nie hast du die Rosen

Pieriens berühret.

Unscheinbar wirst du müssen

In Todes Wohnung gehen,

Und niemand wird dich ansehn

Im Heer der dunkeln Schatten.

Sappho von Mytilene

(übertragen von Johann Gottfried Herder)



Sur une morte

Elle était belle, si la Nuit

Qui dort dans la sombre chapelle

Où Michel-Ange a fait son lit,

Immobile, peut être belle.
Elle était bonne, s'il suffit

Qu'en passant la main s'ouvre et donne,

Sans que Dieu n'ait rien vu, rien dit,

Si l'or sans pitié fait l'aumône.


Elle pensait, si le vain bruit

D'une voix douce et cadencée,

Comme le ruisseau qui gémit.

Peut faire croire à la pensée.


Elle priait, si deux beaux yeux,

Tantôt s'attachant à la terre,

Tantôt se levant vers les cieux,

Peuvent s'appeler la priére.


Elle aurait souri, si la fleur

Qui ne s'est point épanouie



Alfred de Musset



Auf eine Todte


Ja, sie war schön, wenn man die Nacht

Schön nennen kann in der Kapelle,

Zu deren kalter Marmorpracht

Nie dringen kann des Tages Helle,
Ja, sie war gut, wenn es genügt,

Almosen im Vorübereilen,

Wie es der Zufall eben fügt,

Und ohne Mitleid auszutheilen.


Sie dachte, - wenn wir bei dem Schall,

Der einer weichen Stimm entquollen

Eintönig wie des Bächleins Fall,

Schon an Gedanken glauben sollen.

Sie betete, wenn Beten heißt:

Daß sich zwei schöne Augensterne

Bald niedersenken wie verwaist,

Bald heben zu der Himmelsferne.


Gelächelt hätte sie - wenn Duft

Aus Blumen, die sich nie erschlossen,



Nachdichtung: Otto Baisch


Abschied vom Grabe des Fang Guan

Einsam das Grab, an dem das Pferd gezügelt

in fremdem Land: denn wieder heißt es scheiden.

Von frischen Tränen bleibt kein Fleck verschont,

im niedern Himmel Wolkenfetzen treiben.
Der einst mit einem Xie An Schach gespielt,

bringt einem Xu Jun das begehrte Schwert:

allein er sieht des Haines Blüten fallen,

Pirole er zum Abschied zwitschern hört.



Du Fu


Lateinische Grabinschrift

Du, dessen Augen die Wohnung des Todes suchend betrachten,

Hemme die Schritte und lies bis zu Ende hier diese Inschrift,

Die ein liebender Vater der teuren Tochter gewidmet,

Wo ihres Leibes Reste nun ruhen ewig gebettet:

Als mir in strahlender Jugend noch frisch die Künste erblühten

Und mich die Jahre entgegenführten den Höhen des Ruhmes,

Nahte sich plötzlich verhängnisvoll die Stunde des Todes,

Und nicht länger sollte ich trinken den Atem des Lebens;

Kundig der Künste - den Musen gefiel es, mich selbst zu belehren -

War ich noch jüngst die Zierde des Chores im Spiele der Edlen

Und als erste trat ich vors Volk in griechischen Stücken;

Nun aber hat mir die feindliche Parze die Asche des Leibes

Mit ihrem Spruche hinabgebannt in das finstere Grabmal.

Meiner Beschützerin Ruhm, das Lob, die Liebe, die Sorge

Schweigen im schlafenden Leib, ein Raub des Todes, der Flammen.

Meinen Vater ließ ich zurück in Trauer und Tränen;

Nach ihm bin ich geboren und vor ihm dennoch gestorben:

In ihr Dunkel verschließt die Wohnung des ewigen Pluto

Zweimal sieben wiedergekehrte Geburtstage mit mir. -

Ziehest du weiter, so sprich: Es sei leicht ihr die Erde!

Übertragung: Carl Fischer


Eine Richtung

(ca. 510 v. Chr.)

Nun sind mir die Schläfen beide grau, das Haupthaar weiß geworden,

Alt die Zähne und der Jugend Wohlgefühl hat mich verlassen.

Deshalb stöhn ich oft und fürchte mich vor Hades' dunklen Gründen.

Denn dort wohnt das Grauen, mißlich ist der Weg, der in die Tiefe

Leitet, denn er wird in einer Richtung, abwärts nur, begangen.

Anachreon von Teos

(übertragen von Hermann Fränkel)




Im Alter

Wie wird nun alles so stille wieder!

So war mirs oft in der Kinderzeit,

Die Bäche gehen rauschend nieder

Durch die dämmende Einsamkeit,

Kaum noch hört man einen Hirten singen,

Aus allen Dörfern, Schluchten weit

Die Abendglocken herüberklingen,

Versunken nun mit Lust und Leid

Die Täler, die noch einmal blitzen,

Nur hinter dem stillen Walde weit

Noch Abendröte an den Bergesspitzen

Wie Morgenrot der Ewigkeit.

Joseph v. Eichendorff


Schließe mir die Augen beide

Schließe mir die Augen beide

Mit den lieben Händen zu!

Geht doch alles, was ich leide,

Unter deiner Hand zur Ruh.

Und wie leise sich der Schmerz

Well um Welle schlafen leget,

Wie der letzte Schlag sich reget,

Füllest du mein ganzes Herz.

Theodor Storm
Mutterns Hände

Hast uns Stulln jeschnitten

un Kaffe jekocht

un de Töppe rübajeschohm -

un jewischt und jenäht

un jemacht und jedreht...

alles mit deine Hände.
Hast de Milch zujedeckt,

uns Bonbongs zujesteckt

un Zeitungen ausjetragn -

hast die Hemden jezählt

und Kartoffeln jeschält...

alles mit deine Hände.


Hast uns manches Mal

bei jroßen Schkandal

auch'n Katzenkopp jejeben.

Hast uns hochjebracht.

Wir wahn Stricker acht

sechse sind noch am Leben...

alles mit deine Hände.
Heiß warn se un kalt

Nu sind se alt

nu bist du bald am Ende.

Da stehn wa nu hier,

und denn komm wir bei dir

und streicheln deine Hände.



Kurt Tucholsky


Letzte Wache

Wie dunkel sind deine Schläfen

Und deine Hände so schwer,

Bist du schon weit von dannen

Und hörst mich nicht mehr?
Unter dem flackernden Lichte

Bist du so traurig und alt,

Und deine Lippen sind grausam

In ewiger Starre gekrallt.


Morgen schon ist hier das Schweigen,

Und vielleicht in der Luft

Noch das Rascheln der Kränze

Und ein verwesender Duft.


Aber die Nächte werden

Leerer nun, Jahr um Jahr,

Hier, wo dein Haupt lag und leise

Immer dein Atem war.



Georg Heym


XXXVII.

(Buch der Lieder)

Ich kann es nicht vergessen,

Geliebtes, holdes Weib,

Daß ich dich einst besessen,

Die Seele und den Leib.


Den Leib möcht ich noch haben,

Den Leib so zart und jung;

Die Seele könnt ihr begraben,

Hab‘ selber Seele genug.


Ich will meine Seele zerschneiden,

Und hauchen die Hälfte dir ein,

Und will dich umschlingen, wir müssen

Ganz Leib und Seele seyn.



Heinrich Heine

WIE KANN ich die Tote, die Frau nun noch loben?

Sie steht dort in Fremdheit, ist Macht ...

Ins Grab, in ein warmes, gewaltsam gezogen

Von seltener Liebe und Kraft.
Gerundete Brauen, beharrlich: zwei Schwalben -

Die flogen vom Sarg her zu mir:

Zu lang schon hätt man sie dort oben gehalten

Im kalten Stockholmer Quartier.


Die Geige der Väter: der Stolz deiner Sippe –

Ihr Hals gab sein Schönsein dir hin,

Du öffnetest lachend die zierlichen Lippen,

Italisches, russisches Kind.


Dein lastendes Bild will ich immer bewahren,

Du Bärenkind, Wildling, Mignon -

Doch Mühlen im Schnee werden Winter erfahren,

Vereist ist dein Horn, Postillion.



Ossip Mandelstam

(Übertragung: Ralph Dutli)



In den Büchern sterben


Name, Vorname

Klammer auf

Das Geburtsjahr, Strich, das Todesjahr, aus

Klammer zu.
Nun ist er in den Büchern ein Name, ein Vorname

In Klammern sein Geburts- und Todesjahr.


Gegen Ende der Seite oder etwas weiter unten

Seine Werke, Erscheinungsjahre

Eine kurze, lange Liste.

Wie Vögel im Todeskampf die Buchtitel in euren Händen.


Der Strich zwischen den beiden Klammern

Er bedeutet alles

Seine Hoffnung, seine Angst, seine Tränen, seine Freude

Er bedeutet alles.


Nun ist er in den Büchern

Gefangen durch einen Strich;

Lebt er noch: er kann sich nicht wehren,

Sie können ihn töten.



Çet Necatigil

(Übertragung: Yüksel Pazarka)



Epigrafe

Quando partisti, come è nostra usanza,

inzepparono la cassa dei tuoi piccoli oggetti cari.

Ti misero l'ombrellino da sole

perché andavi in un torrido regno

e ti vestirono di bianco.

Eri ancora una bambina,

una bambina difficile a crescere.

Pure fosti accolta con rassegnata dolcezza,

custodita e portata alla luce

come matura la spiga in un campo esausto.

Io ricordo, sorella, il tuo pigolío

quando ti chiudevi a piangere sulla loggia

perché volevi andare sul tetto a stare.

Eri felice soltanto se potevi sollevarti un poco da terra.
Ti misero nella cassa gli oggetti piú cari,

perfino una monetina d'oro nella mano

da dare al barcaiolo che ti avrebbe accompagnata

all'altra riva. Noi restammo di qua

nella grande casa che tu sapevi rivoltare come un sacco.

Per un po' di giorni nessuno ebbe voglia di riassettarla.

Ci raccogliemmo intorno al camino

pensando al tuo grande viaggio,

alIa tristezza di mandarti sola in un paese sconosciuto.

La nonna stava ad aspettarci da anni.

Da anni nessuno di noi era stato chiamato.

NelI'immensa plaga, in quella lunga quarantena

come avete fatto a riconoscervi?
Ti avevamo messo dentro la cassa gli oggetti piú cari,

il tuo ombrellino, il tuo pettine, un piccolo mazzo di fiori.

Mia madre ti seguiva ad ogni tappa, dalla casa

alla chiesa, dalla chiesa al cimitero.

Dava ricetto nella sua stanza ad ogni farfalla,

e tenne per lungo tempo la casa aperta

nella speranza che tu potessi tornare.
Un giorno una donna venne a bussare alla porta,

a dirci che ti aveva sognata.

La donna aveva una bimba malata, una tua compagna,

e tu l’avevi visitata.

Parlasti in sogno a quella donna, chiedesti qualcosa

che ella non sapeva: perché non sentiva in sogno

e tu parlavi e pareva che chiedessi una cosa

che nella confusione del distacco era stata dimenticata.

Mia madre rovistò tra le tue carte,

stette a lungo a cercare i tuoi quaderni a uno a uno.

Guardammo per l’ultima volta

la tua scrittura tenera, il tuo esile nome

scritto dalla tua piccola mano.

Furono legati con un nastro bianco i tuoi quaderni

che avevamo dimenticati. La bambina te li avrebbe portati.

Aggiustammo i tuoi quaderni nella cassa

della compagna che tu avevi prediletta.

Anch’essa venne vestita di bianco

nell torrido regno da cui nessuno è mai tornato.

Leonardo Sinisgalli

Inschrift

Als du fortgingst, stopften sie, wie es bei uns Brauch ist, all deine lieben kleinen Sachen in den Sarg. Sie legten dir den kleinen Sonnenschirm hinein, weil du in ein heißes Reich gingst, und sie kleideten dich in Weiß. Du warst noch ein kleines Mädchen, ein kleines Mädchen, das schwer großzuziehen war. Doch wurdest du mit resignierter Sanftmut aufgenommen, behütet und ans Licht gebracht, so wie die Ähre auf einem erschöpften Feld reift. Ich erinnere mich, Schwester, an dein Gepiepse, wenn du dich zum Weinen auf die Loggia einschlossest, weil du auf das Dach gehen und da bleiben wolltest. Du warst nur glücklich, wenn du dich etwas über die Erde erheben konntest.


Sie legten dir die liebsten Sachen in den Sarg und sogar eine kleine Goldmünze in die Hand, für den Fährmann, der dich ans andere Ufer begleiten würde. Wir blieben diesseits in dem großen Haus, das du wie einen Sack umstülpen konntest. Ein paar Tage lang hatte niemand Lust, es aufzuräumen. Wir versammelten uns um den Kamin, dachten an deine große Reise und daran, wie traurig es war, dich allein in ein unbekanntes Land zu schicken. Die Großmutter wartete da auf uns seit Jahren. Seit Jahren war niemand von uns gerufen worden. In der unermeßlichen Gegend, in jener langen Quarantäne, wie konntet ihr euch da wiedererkennen?
Wir hatten dir die liebsten Sachen in den Sarg hineingelegt, deinen kleinen Sonnenschirm, deinen Kamm, einen kleinen Blumenstrauß. Meine Mutter folgte dir auf jeder Wegstrecke, vom Haus zur Kirche, von der Kirche zum Friedhof. In ihrem Zimmer gab sie jedem Schmetterling Obdach und hielt lange Zeit das Haus offen, in der Hoffnung, du könntest zurückkehren.
Eines Tages kam eine Frau und klopfte an die Tür, um uns zu sagen, daß sie von dir geträumt habe. Die Frau hatte ein krankes Kind, eine Schulfreundin von dir, und du hattest sie besucht. Du sprachst im Traum zu jener Frau, du verlangtest etwas, sie wußte nicht was: weil sie im Traum nicht hörte und du sprachst, und es schien, als ob du etwas verlangtest, was in der Verwirrung des Abschieds vergessen worden war.

Meine Mutter stöberte zwischen deinen Papieren, suchte lange Heft um Heft. Wir betrachteten zum letzten Male deine zarte Handschrift, deinen grazilen Namen, geschrieben von deiner kleinen Hand. Mit einem weißen Band wurden deine Hefte, die wir vergessen hatten, zusammengebunden. Das kleine Mädchen würde sie dir bringen. Wir legten deine Hefte in den Sarg der Schulfreundin, die du am liebsten hattest, zurecht. Auch sie kam in Weiß gekleidet in das heiße Reich, aus dem nie jemand zurückgekehrt ist.



Übertragung: Franco de Faveri/Regine Wagenknecht

Im Dorf der Verstorbenen

Ein Jäger ging mit einem Hund auf die Jagd. Der Hund scheuchte eine Mbambi (Antilopenart) auf. Die Mbambi lief von dannen, der Hund setzte hinterher. Die Mbambi lief in das Dorf der Misiangi (der Verstorbenen). Die Misiangi ergriffen die Mbambi. Sie schnitten den Leib heraus und hängten ihn im Hause über das Feuer. Das Fell und das Übrige hingen sie hinter dem Hause auf. Der Hund lief hinterher. Er kam in das Dorf der Misiangi. Die Misiangi ergriffen ihn. Sie schnitten den Leib heraus und hängten ihn im Haus über das Feuer. Das Fell und das übrige hängten sie hinter dem Hause auf.

Der Jäger kam. Die Misiangi fragten: “Wer bist du?” Der Tschilembi sagte: “Ich bin ein Mensch wie ihr.” Die Misiangi ergriffen den Tschilembi. Sie schnitten den Leib heraus und hängten ihn im Haus über das Feuer. Die Haut und das übrige hängten sie hinter dem Hause auf.

Nach zwei Tagen sagte der Bruder des Jägers zu seinem Vater: “Mein Bruder ging vor zwei Tagen auf die Jagd, er ist nicht zurückgekommen. Ich will sehen, wo er ist.” Der Vater sagte: “Es ist recht.” Der Bruder ging der Spur des Hundes und seines Bruders nach. Er kam in das Dorf der Misiangi. Die Misiangi fragten: “Wer bist du?” Der Mann sagte: “Ich bin ein Mensch wie ihr.” Die Misiangi ergriffen den Mann. Sie schnitten den Leib heraus und hängten ihn im Haus über das Feuer. Die Haut und das übrige hängten sie hinter dem Hause auf.


Nach zwei Tagen sagte der Vater der beiden Jäger: “Meine Söhne sind ausgegangen und kommen nicht wieder. Ich muß selbst sehen, wo sie hingegangen sind.” Der Vater ging von dannen, er ging der Spur seiner Söhne nach. Er kam in das Dorf der Misiangi.

Die Misiangi fragten: “Wer bist du?” Der Mann sagte: “Ich bin ein Mensch wie ihr.”

Die Misiangi führten ihn in das Haus. Die Misiangi machten für den Mann Biddia (Hirsebrei). Sie machten ihm zwei große Schüsseln voll Biddia. Sie legten zwei Mpassu (Heuschrecken) darauf. Sie brachten das Essen dem Mann als Mittagsspeise ins Haus. Der Mann begann zu essen. Er sagte: “Zwei große Schüsseln mit Biddia und nur zwei Mpassu? Und hier hängt über dem Feuer ein Stück Fleisch neben dem andern? Das ist nicht recht.”
Über dem Feuer hing zu hinterst der Leib der Mbambi. Dann hing der Leib des Hundes; dann hing der Leib des ersten Jägers da. Vorn an hing der Leib des andern Sohnes. Der Mann nahm sein Messer und schnitt von dem vordersten Leib ein ganzes Stück ab. Dann aß er. Er schnitt noch ein Stück ab und aß gut.

Am Abend machten die Misiangi wieder zwei große Schüsseln mit Biddia. Sie legten nur einen kleinen Katende (Vogel) darauf. Der Mann aß. Er sagte: “Auf den zwei Schüsseln liegt nur ein kleiner Katende. Und hier hängt die Hütte voller Fleisch, das ist nicht recht.”

Der Mann nahm sein Messer und schnitt ein gutes Stück von dem zweiten Leib ab und aß gut. Dann legte er sich hin und schlief. Am Morgen riefen die Misiangi: “Ich bin ein Mensch wie ihr.” Der Mann sagte: “Hier bin ich.” Die Misiangi sagten: “Hast du gut geschlafen?”

Der Mann sagte: “Ich habe vorzüglich geschlafen!” Die Misiangi nahmen darauf den Leib der Mbambi und das Fell. Sie setzten beides zusammen. Die Mbambi lief von dannen.

Die Misiangi nahmen darauf das Fell des Mboa und den Leib des Mboa. Der Mboa war lebendig, lief von dannen und hinter der Mbambi her.

Die Misiangi nahmen darauf die Haut des ersten Tschilembi und dessen Leib und setzten ihn zusammen. Aber der Tschilembi wurde nicht wieder lebendig. Und die Misiangi klopften ihn und kehrten ihn, aber er wurde nicht lebendig. Sie nahmen den Leib und die Haut des Bruders. Aber auch der wurde nicht wieder lebendig.

Da sagten die Misiangi zu dem Mann: “Du bist ein Mensch. Du bist der Vater dieser beiden Brüder. Du hast von ihrem Fleisch gegessen. Wir können zerschneiden und töten und dann zusammensetzen und lebendig machen, wenn nichts fehlt. Wir würden auch diese beiden wieder lebendig machen können, wenn nichts fehlen würde.”

Der Mann hörte das. Er floh weit von dannen.



Afrikanisches Märchen

(Bena Pulua)

II. FRAGEN ODER DIE SUCHE NACH ÜBERGÄNGEN

Der Sterbende nimmt die Welt mit. Wohin?



Elias Canetti
Die Pest

(1947)


Ohne aus dem Schatten herauszutreten sagte der Arzt, er habe schon geantwortet: Wenn er an einen allmächtigen Gott glaubte, würde er aufhören, die Menschen zu heilen und würde diese Sorge ihm überlassen. Aber niemand auf der Welt - nein, nicht einmal Paneloux, der glaube, daran zu glauben - glaube an einen solchen Gott, da niemand sich völlig hingebe, und zumindest darin glaube er, Rieux, auf dem Weg der Wahrheit zu sein, indem er gegen die Schöpfung, so wie sie war, ankämpfe.

“Ach, das ist also die Vorstellung, die Sie sich von Ihrem Beruf machen?”

“Ungefähr”, sagte der Arzt und trat wieder ins Licht.

Tarrou pfiff leise, und der Arzt sah ihn an.

“Ja”, sagte er, “Sie denken, daß dazu Stolz nötig ist. Aber ich habe nicht mehr als den nötigen Stolz, glauben Sie mir. Ich weiß nicht, was mich erwartet und was nach all dem hier kommen wird. Vorerst sind da die Kranken, und sie müssen geheilt werden. Danach werden sie nachdenken und ich auch. Aber das dringendste ist, sie zu heilen. Ich verteidige sie, so gut ich kann, das ist alles.”

“Gegen wen?”

Rieux wandte sich zum Fenster. An einer dichteren Dunkelheit des Horizonts erahnte er in der Ferne das Meer. Er spürte nur seine Müdigkeit und kämpfte gleichzeitig gegen einen plötzlichen, unsinnigen Wunsch, sich diesem eigenartigen, aber wie er fühlte, brüderlichen Mann etwas mehr anzuvertrauen.

“Ich habe keine Ahnung, Tarrou, ich schwöre Ihnen, daß ich keine Ahnung habe. Als ich diesen Beruf ergriffen habe, geschah es gewissermaßen abstrakt, weil ich einen brauchte, weil es eine Stellung wie alle anderen war, eine von denen, die junge Leute sich zum Ziel setzen. Vielleicht auch, weil es besonders schwierig für einen Arbeitersohn wie mich war. Und dann mußte man sterben sehen. Wissen Sie, daß es Leute gibt, die sich weigern zu sterben? Haben Sie je eine Frau im Sterben ‚Niemals!‘ schreien hören? Ich schon. Und dann ist mir klar geworden, daß ich mich nicht daran gewöhnen konnte. Ich war jung, und mein Ekel glaubte sich gegen die Weltordnung selbst zu richten. Seitdem bin ich bescheidener geworden. Nur habe ich mich immer noch nicht daran gewöhnt, sterben zu sehen. Mehr weiß ich nicht. Aber schließlich ...”

Rieux verstummte und setzte sich wieder. Er merkte, daß sein Mund trocken war.

“Schließlich?” sagte Tarrou leise.

“Schließlich ..”, fuhr der Arzt fort, zögerte wieder und sah Tarrou aufmerksam an, “ist es etwas, was ein Mann wie Sie verstehen kann, nicht wahr, aber da die Weltordnung durch den Tod bestimmt wird, ist es für Gott vielleicht besser, daß man nicht an ihn glaubt und mit aller Kraft gegen den Tod ankämpft, ohne die Augen zu diesem Himmel zu erheben, in dem er schweigt.”

“Ja, das kann ich verstehen”, stimmte Tarrou zu. “Aber Ihre Siege werden immer vorläufig sein, das ist alles.”

Rieux schien sich zu verdüstern.

“Immer, das weiß ich. Das ist kein Grund, den Kampf aufzugeben.”

“Nein, das ist kein Grund. Aber ich kann mir jetzt vorstellen, was diese Pest für Sie bedeuten muß.”
Albert Camus


Des Todes Boten

(ca. 750 n.. Chr.)

All die Gedankenlosen, die nicht sorgen,

Zu welcher Zeit des Todes Boten kommen,

Müssen in niederer Verkörperung

Lange die Qual der Leiden fühlen.

Die jedoch gut und heilig sind,

Betragen sich nicht gedankenlos,

Wenn des Todes Boten erscheinen,

Beachten, was die Hohe Lehre sagt,

und sehn, erschreckt, in der Verhaftung

Die ew'ge Quelle von Geburt und Tod,

Befrein sich selbst von diesem Hang

Und tilgen so Geburt und Tod.

Sicher und glücklich ruhen sie.

Entlassen aus der flutenden Schau,

Entbunden aller Sünd' und Furcht;

Sie sind nun alles Elends bloß.



Tibetanisches Totenbuch

Erster Brief an die Korinther

(ca. 50 n.Chr.)

Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden; und dasselbige plötzlich, in einem Augenblick, zu der Zeit der letzten Posaune. Denn es wird die Posaune schallen, und die Toten werden auferstehen unverweslich, und wir werden verwandelt werden... Dann wird erfüllet werden das Wort, das geschrieben steht: Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?

Paulus


Ein jeder selbst

(1522)


Wir sind alle zum Tode gefordert, und es wird keiner für den andern sterben, sondern jeder muß in eigner Person geharnischt und gerüstet sein, mit dem Tode zu kämpfen. - Wir können wohl einer den andern trösten und zu Geduld, Streit und Kampf ermahnen, aber kämpfen und streiten können wir nicht für ihn, sondern es muß jeder selbst auf seiner Schanze stehn und sich mit den Feinden, dem Teufel und Tode messen, allein mit ihm im Kampf liegen.

Martin Luther



  1. Sure

(ca. 600 n.Chr.)

Darum wird Allah sie vor dem Übel dieses Tages bewahren und Heiterkeit und Freude auf ihrem Angesicht glänzen lassen und sie belohnen für ihre ausharrende Geduld mit einem Garten und mit seidenen Gewändern, und sie werden dort auf Lagerkissen ruhen und weder Sonne noch Kälte mehr fühlen. Dichte Schatten werden sich behütend über ihnen ausbreiten, und Früchte werden tief herabhängen, damit sie leicht gepflückt werden können.

Und Dienende werden mit silbernen Kelchen und Bechern um sie herumgehen, mit glashellen Silberflaschen, deren Maß sie nach eigenem Wunsch bestimmen können. Man gibt ihnen da zu trinken aus einem Becher Wein mit Ingwer-Wasser, aus einer Quelle dort, welche Salsabil heißt.

Zu ihrer Aufwartung gehen ewig blühende Jünglinge um sie herum; wenn du sie siehst, hälst du sie für verstreute Perlen, und wo du hinsiehst, erblickst du die Wonne und ein großes Reich. Ihre Gewänder sind aus feiner grüner Seide und aus Samt, durchwirkt mit Gold und Silber, und geschmückt sind sie mit silbernen Armbändern, und ihr Herr wird ihnen reinsten Trunk zu trinken geben und sagen: “Dies ist euer Lohn und der Dank für euer eifriges Streben.”



Koran


Vergeblich

(ca. 500 v. Chr.)

Gering ist der Menschen Macht, erfolglos ihr Streben, in

Knappem Dasein Mühsal um Mühsal,

Und unentrinnbar hängt gleichmäßig über ihnen der Tod.

Denn davon erhalten ihr Teil ebenso die Guten

Wie wer schlecht ist.

Es gibt kein Unglück

Das nicht zu erwarten wäre bei Menschen, in kurzer Frist

Stößt Gott alles um.

Denn alles versinkt in dem einen grauenvollen Wirbelschlund,

Die großen Manneswerte und der Reichtum.

Denn auch sie vermochten es nicht, die früher einmal gewesen sind,

Halbgötter gezeugt von Herrengöttern,

Ein mühefreies, verfallfreies, gefahrfreies Leben

Zum Ziel des Greisentums zu bringen.



Simonides von Keos

(übertragen von Hermann Fränkel)




Gebet an die Ahnen

Einträchtig sind sie hergekommen

und nahten ehrerbietig schon;

der Fürsten Beisein soll ihm frommen;

voll Andacht ist der Himmelssohn.
“Da ich den großen Stier Dir weihe

und sie beim Opfer nehmen teil,

verklärter Vater, o verleihe

mir, Deinem treuen Sohne, Heil!


An Geist und Wahrheit warst Du Mann,

und warst Fürst in Krieg und Frieden;

hast Ruh' dem hohen Himmel dann

und Deiner Nachkunft Glanz beschieden;


warst meiner greisen Brau'n Berater

und reichlich segnetest Du mich.

So ehr ich Dich, erhabner Vater,

und ehre, würd'ge Mutter, Dich.”



Aus dem Shi-King


Mein Rat

(ca. 630 v. Chr.)

Das Endeziel von allem ist, o Sohn,

Beim hohen Zeus; der stellts, wohin er will.

Der Mensch ist sinn-los. Immer leben wir

Nur einen Tag und wissen nicht, wie Gott

Mit einem Sterblichen es enden werde.

Indessen nährt die süße Trügerin,

Die Hoffnung uns, auch wenn zum Nichtigen

Wir streben. Dieser hofft den nächsten Tag;

Der andre künftger Sommer Ernten; da

Ist keiner, der sich nicht beim neuen Jahr

Ein freundliches, ein segenreiches Glück

Verheiße. Jenen rafft indes das Alter weg,

Eh er zum Ziel gelangte; diesen zehrt

Die Krankheit auf. Die zähmt der wilde Mars

Und sendet sie zur Totenschar hinab

In Plutos unterirdisch-schwarzes Haus.

Die sterben auf dem Meer: der Sturm ergriff,

Die schwarze Welle riß sie fort mit sich;

Hin ist ihr Leben, ihre Hoffnung hin.

Der greift, unglücklich Schicksal! selbst zum Strick

Und raubt sich selbst der schönen Sonne Licht.

Nichts ist von Plagen frei: zehntausende

Der Tode stehn, ein unabwendbar Heer
Von Schmerz und Plagen stehn dem Sterblichen

Ringsum. O glaubten meinem Rate sie,

So liebte keiner doch sein Unglück selbst

Und zehrte sich das Herz in Unmut ab.



Semonides von Amorgos

(übertragen von Johann Gottfried Herder)



Nänie

(1799)


Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,

Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus.

Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,

Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.

Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,

Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.

Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,

Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt.

Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,

Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.

Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,

Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.

Auch ein Klagelied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich.

Denn das Gemeine geht Hanglos zum Orkus hinab.



Friedrich v. Schiller


Phaidon

(ca. 387-367 v. Chr.)



Sokrates. In der Tat also, mein Simmias, trachten die wahren Philosophen danach, zu sterben, und der Tod ist ihnen von allen Menschen am wenigsten furchtbar. Stelle nur folgende Erwägung an. Wenn sie nämlich in jeder Hinsicht mit dem Leibe entzweit sind und die Seele ganz für sich allein haben wollen, wäre es da nicht die größte Torheit, wenn sie sich bei Erfüllung dieses Wunsches fürchten und unwillig sein wollten, anstatt mit Freuden dahin zu gehen, wo sie nach ihrer Ankunft hoffen dürfen, das zu erlangen, wonach sie ihr Leben lang getrachtet haben - es war dies aber die Vernunfterkenntnis -, und vom Zusammensein mit dem befreit zu werden, was ihnen zuwider war?

Oder sollten nur viele nach dem Tode sterblicher Lieblinge oder Frauen und Kinder freiwillig in die Unterwelt haben gehen wollen, von der Hoffnung geleitet, dort die wiederzusehen, nach denen sie sich sehnten, und mit ihnen zusammen zu sein; wer aber die Vernunfterkenntnis wirklich liebt und ebendieser zuversichtlichen Hoffnung lebt, er werde nirgend anderswo ihrer nach Wunsch teilhaftig werden als in der Unterwelt, den sollte es verdrießen zu sterben, und er sollte nicht freudig dorthin aufbrechen?

Nein, das kann man nicht glauben, mein Bester, wenigstens nicht, wenn er ein echter Philosoph ist. Denn gar fest wird ein solcher dies glauben, daß er nirgend woanders die reine Wahrheit antreffen wird als dort. Verhält sich das aber so, wäre es da nicht, wie gesagt, große Unvernunft, wenn ein solcher den Tod fürchtete?

Plato

Ode an die Wiedererstandenen


Die Nacht ist der Tod des Tages,

Die Berge sind der Tod der ältesten Vögel.
Jene Witwen, die sich still beklagend zum Gebet waschen,

Sind der Tod ihrer seligen Gatten.


Geliebt werdet ihr hellblau, jeden Sommer,

Die Ähre ist der Tod des Weizens.

Ihr begreift nicht wie, ihr seht nicht: auf der Sonne

Ist Dienstag der Tod von Montag.


Eisig kalte, eisig dunkle

Einsamkeit ist der Tod jener schönen Helle.


Leben, Leben, dreißig Jahre, fünfzig Jahre, achtzig Jahre

Sind deinetwegen der Tod der Liebe.



Fazil Hüsnü Daglarca

(Übertragung: Yüksel Pazarkaya)


Tagebuch

(1967)


Wir leben, um zu sterben. Der Tod ist das Ziel der Existenz, das ist, wird man sagen, eine Binsenweisheit. Doch zuweilen verschwindet hinter einem abgegriffenen Ausdruck das Banale, und die Wahrheit taucht auf, taucht ganz neu wieder auf. Mir scheint, ich durchlebe einen jener Augenblicke, da ich mir zum ersten Male sage, da ich zum ersten Male entdecke, daß die Existenz nur ein Ziel hat: den Tod. Man kann nichts dagegen tun. Man kann nichts tun. Man kann nichts tun. Man kann nichts dagegen tun. Aber was sind das für Lebensbedingungen, an Fäden gezogen zu werden wie Marionetten? Mit welchem Recht hält man mich zum Narren?

Noch heute wundere ich mich manchmal, nicht mehr zwölf Jahre alt zu sein.


Wenn ich Phädon lese, merke ich erst am Ende des Dialogs, wie gut wir dran sind. Sokrates hat mich nicht davon überzeugen können, daß die Seele unsterblich ist und daß er künftig in einer besseren Welt leben wird. Anscheinend sind seine Jünger auch nicht davon überzeugt, denn sie weinen; warum sollten sie sonst weinen? Wenn der Abend kommt und Sokrates das Gift trinkt, wenn seine Füße erkalten und der Leib, und wenn er schließlich stirbt, packt mich ein Schrecken, eine unsägliche Traurigkeit. Die Beschreibung von Sokrates' Tod ist so überzeugend, viel überzeugender als die Argumente, die Sokrates für die Unsterblichkeit anführt. Außerdem verflüchtigen sich die Argumente augenblicklich; man vergißt sie sofort, doch das Bild vom Tod des Sokrates gräbt sich in meine Erinnerung; alle Menschen sind sterblich. Da Sokrates ein Mensch ist, ist er sterblich. Heute Nacht lag ich wach und dachte daran. Seit langem hatte ich keine so hellsichtige, greifbare, eisige Angst mehr empfunden. Furcht vor dem Nichts. Wie soll ich es beschreiben? Ich legte die Hände auf die Brust, um zu spüren, daß ich da war; dann plötzlich war mir, als hätte die Finsternis des Nichts bereits begonnen, mich zu verschlingen, als hätte ich schon keine Füße, keine Waden, keine Schenkel mehr; ich war nur noch ein Rumpf, an dem die eisigen Flammen des Nichts zehrten. Ich machte Licht. Wie gut ist es zu leben! Zärtlichkeit stieg in mir auf für das Leben, das mir feenhaft schien, eine leuchtende Zauberei der Nacht. Wir töten uns gegenseitig, weil wir wissen, daß wir alle getötet werden. Weil wir den Tod hassen, darum töten wir einander. Der friedvolle, heitere Tod des Sokrates scheint mir plötzlich ganz unwahrscheinlich, und doch ist so etwas möglich. Aber wie?

Eugéne Ionesco


Was dann?

(ca. 1930)

Wo wird es bleiben,

Was mit dem letzten Hauch entweicht?

Wie Winde werden wir treiben -

Vielleicht!


Werden wir reinigend wehen?

Und kennen jedes Menschen Gesicht.

Und jeder darf durch uns gehen,

Erkennt aber uns nicht.


Wir werden drohen und mahnen

Als Sturm,

Und lenken die Wetterfahnen

Auf jedem Turm.


Ach, sehen wir die dann wieder,

Die vor uns gestorben sind?

Wir, dann ungreifbarer Wind?

Richten wir auf und nieder

Die andern, die nach uns leben?
Wie weit wohl Gottes Gnade reicht.

Uns alles zu vergeben?

Vielleicht? Vielleicht!

Joachim Ringelnatz
SONNET LXVI

Tired with all these, for restful death I cry,

As, to behold desert a beggar born,

And needy nothing trimm'd in jollity,

And purest faith unhappily forsworn,

And gilded honour shamefully misplaced,

And maiden virtue rudely strumpeted,

And right perfection wrongfully disgraced,

And strength by limping sway disabled,

And art made tongue-tied by authority,

And folly, doctor-like, controlling skill,

And simple truth miscall'd simplicity,

And captive good attending captain ill:

Tired with all these, from these would I be gone,

Save that, to die, I leave my love alone.

William Shakespeare

LXVI. SONETT

Müde von alle diesem wünsch' ich Tod:

Verdienst zum Bettler sehn geboren werden,

Und hohle Dürftigkeit in Grün und Rot,

Und wie sich reinste Treu entfärbt auf Erden,

Und goldnen Ehrenschmuck auf Knechteshaupt,

Und jungfräuliche Tugend frech geschändet,

Und Hoheit ihres Herrschertums beraubt,

Und Kraft an lahmes Regiment verschwendet,

Und Kunst im Zungenbande der Gewalt,

Und Schulenunsinn, der Vernunft entgeistert,

Und schlichte Wahrheit, die man Einfalt schalt,

Und wie vom Bösen Gutes wird gemeistert:

Müde von alle dem, wär Tod mir süß;

Nur, daß ich sterbend den Geliebten ließ!

Nachdichtung:


Menschliches Elende

Was sind wir Menschen doch! Ein Wohnhaus grimmer Schmerzen,

Ein Ball des falschen Glücks, ein Irrlicht dieser Zeit,

Ein Schauplatz herber Angst, besetzt mit scharfem Leid,

Ein bald verschmelzter Schnee und abgebrannte Kerzen.
Dies Leben fleucht davon wie ein Geschwätz und Scherzen.

Die vor uns abgelegt des schwachen Leibes Kleid

Und in das Totenbuch der großen Sterblichkeit

Längst eingeschrieben sind, sind uns aus Sinn und Herzen.


Gleich wie ein eitel Traum leicht aus der Acht hinfällt

Und wie ein Strom verscheußt, den keine Macht aufhält,

So muß auch unser Nam, Lob, Ehr und Ruhm verschwinden.
Was itzund Atem holt, muß mit der Luft entfliehn,

Was nach uns kommen wird, wird uns ins Grab nachziehn.

Was sag ich? Wir vergehn wie Rauch vor starken Winden.

Andreas Gryphius

Chanson d‘automne

Les sanglots longs

Des violons

De l'automne

Blessent mon coeur

D' une langueur

Monotone.
Tout suffocant

Et blême, quand

Sonne l‘ heure,

Je me souviens

Des jours anciens

Et je pleure;


Et je m'en vais

Au vent mauvais

Qui m' emporte

Deà, delà,

Pareil à la

Feuille morte.




Paul Verlaine



Herbstlied


Seufzer gleiten

Die saiten

Des herbsts entlang

Treffen mein herz

Mit einem schmerz

Dumpf und bang.
Beim glockenschlag

Denk ich zag

und voll peinen

An die zeit

Die nun schon weit

Und muss weinen.


Im bösen winde

Geh ich und finde

Keine statt...

Treibe fort

Bald da bald dort –

Ein welkes blatt.


Übertragung: Stefan George


Kaleidoskop

Wer Gott ahnet, ist hoch zu halten,

Denn er wird nie im Schlechten walten.

Der Mensch erfährt, er sei auch, wer er mag,

Ein letztes Glück und einen letzten Tag.

Nichts vom Vergänglichen,

Wie's auch geschah

Uns zu verewigen

Sind wir ja da.

Johann Wolfgang von Goethe


Alles

Was du gegen den Tod zu sagen hast, ist nicht weniger unwirklich als die

Seelen-Unsterblichkeit der Religionen.

Es ist sogar noch unwirklicher, denn es will alles bewahren, nicht nur eine Seele.

Eine Unersättlichkeit, die beinahe nicht zu begreifen ist.

  1   2   3   4


Verilənlər bazası müəlliflik hüququ ilə müdafiə olunur ©azrefs.org 2016
rəhbərliyinə müraciət

    Ana səhifə